Halloween steht wieder vor der Tür.....

Dieses Jahr habe ich keine Glasperlen, sondern Wortperlen für euch. Hier kommt der erste Teil meiner diesjährigen Halloween-Kurzgeschichte:

 

Dunkel

 

 Teil I

 

Dunkel war es, als sie sich dem Haus näherte. Dunkel und kalt. Sie hatte durch den Feierabendverkehr viel länger gebraucht als gedacht. Langsam schritt sie auf die Eingangstür zu. Die Stufen waren glattpoliert vom häufigen Gebrauch, der Handlauf des Geländers schimmerte silbern im Mondlicht. Aber er war aus eigentlich Messing. Daran erinnerte sie sich noch.

 

Es war lange her, dass sie hier gewesen war. Nur einmal, in den Sommerferien, hatten sie Onkel Albert besucht. Zwei Wochen war sie mit ihren Eltern hier gewesen. Damals hatte sie an dem Geländer herumgeturnt und war auf die Stufen gefallen. Sie befühlte die kleine Narbe am Kinn. Das hatte sie ganz vergessen. Vorsichtig strich sie mit den Fingern über das kalte Metall. Die Wunde hatte gebrannt wie Feuer. Und sie hatte sich auf die Wange gebissen und den Mund voller Blut. Ihre Mutter war nervös geworden und wollte zum Arzt, aber Onkel Albert hatte ganz ruhig reagiert. Er hatte sie auf den Schoss genommen, genau hier vor der Haustür auf den Stufen, hatte ihr mit seinem Taschentuch das Kinn abgetupft und ihr einen Schluck aus seinem Flachmann gegeben. «Gleich ausspucken, junge Dame!» Hatte er gesagt und sie hatte gehorsam ausgespuckt. Blut und Schnaps waren im Blumenkübel neben der Treppe gelandet.

 

Sie beugte sich vorsichtig über das Geländer. Da stand sogar noch der Blumenkübel! Das musste doch mehr als zwanzig Jahre her sein? Sie konnte sich kaum noch daran erinnern. Nur, dass der Schnaps scheusslich geschmeckt hatte und in ihrem Mund und der Wunde am Kinn furchtbar brannte. Sie hatte geweint. Und lange keinen Alkohol angerührt, als Jugendliche.

 

Sie kramte den Schlüssel aus dem grossen braunen Briefumschlag, den sie von der Anwaltskanzlei bekommen hatte. Es dauerte etwas, weil es keine Lichtquelle gab. Nur der Mond schimmerte durch die zwei hohen Tannen. Die Strassenlaternen dahinter waren nicht zu sehen, ihr Licht jenseits des Gartens nur ein zerfetztes gelbes Leuchten. Es reichte nicht die Auffahrt hinauf bis zur Haustür. Mühsam bekam sie ihn schliesslich ins Schlüsselloch. Die Tür klemmte. Sie musste den Knauf zu sich heranziehen und den Schlüssel mit Gewalt umdrehen.

 

Die Tür gab nach. Dunkelheit schlug ihr mit dem Geruch von Moder und Schimmel entgegen. Der alte Mann hatte die letzten Jahre in einem Pflegeheim verbracht, nachdem er die Treppe hinuntergestürzt war. Sie tastete nach einem Lichtschalter und fand einen uralten zum Drehen aus Bakelit. Aber die Lampen gingen nicht an. Also stiess sie die Tür auf, soweit es ging. Ein hoher Schirmständer samt Gehstock fiel dabei um. Es schepperte laut und unheimlich durch das dunkle Treppenhaus. Sie nahm den Schirmständer und stellte ihn wieder auf, vor die Tür, damit sie nicht zuschlug und sie ihres schmalen Streifen Mondlichts beraubte.

 

Sie wartete, bis ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Vor den Fenstern hingen schwere alte Vorhänge aus Samt. Überhaupt schien hier alles alt und schwer zu sein, sogar die Luft. Wie Blei legte sie sich auf ihre Lungen. Vorsichtig ging sie zum Fenster und zog mit Mühe die Vorhänge zurück. Etwas mehr Licht fiel durch das staubige Fenster, das sie aufstiess, um die kalte Abendluft hinein zu lassen. Dann sah sie sich genauer um. Soweit sie im Dunkeln erkennen konnte, war alles noch genauso wie bei ihrem letzten Besuch vor zwanzig Jahren.

 

Sie wandte sich nach links. Eine der Türen führte zur Küche. Auch hier funktionierte der Lichtschalter nicht. Auf dem Weg zum Fenster stiess sie gegen einen Stuhl. Kratzend schabten die Stuhlbeine über die Holzdielen. Sie riss die Vorhänge zurück. Vielleicht sollte sie doch morgen früh wiederkommen. Sie versuchte, sich umzusehen. Der Stuhl gehörte zu einer kleinen Essgruppe aus Holz, die hier im vorderen Teil der Küche stand. Sie erinnerte sich an die Essecke. Man konnte die Sitzbank hochklappen. Onkel Albert hatte da immer ein paar Tischtücher aufbewahrt und sie hatte dort ihrer Puppe ein Bett bereitet. Hinten stand eine riesige Schrankwand mit Einbauherd und Kühlschrank. Alles uralt und aus dunklem Holz oder Furnier. Sie würde wetten, dass es immer noch dieselbe Einrichtung wie damals war. Es war wie eine Zeitreise zurück an einen Ort ihrer Kindheit. Nur war es hier jetzt alptraumhaft dunkel. Sie stellte den Stuhl zurück und ging zu der zweiten Tür. Dahinter versteckte sich ein zweiter, kleinerer Gang.

 

Im Gegensatz zu der geräumigen Küche wirkte er winzig. Das hier hinten war der Dienstbotengang. So hatte Onkel Albert diesen kleinen hinteren Flur genannt. Er war schmal und verband den hinteren Küchenteil mit der Hintertür, der Kellertür und dem Esszimmer. In der Dunkelheit konnte sie das alles aber nur erahnen. Am Ende gelangte man zu einer zweiten, sehr viel kleineren Wendeltreppe, die sich in eine schmale Nische schmiegte. Dort hatte sie sich als Kind gern versteckt. Früher waren dort die Dienstmädchen unbemerkt hoch und runtergegangen. Aber Onkel Albert hatte keine Dienstboten mehr gehabt. Er hatte in dem riesigen dunklen Haus fast sein ganzes Leben lang allein gelebt.

 

Es schauderte sie plötzlich und sie trat einen Schritt zurück in die Küche. Entweder ging sie jetzt oder sie machte Licht! Willkürlich zog sie ein paar Schubladen auf. Es musste doch irgendwo etwas Brauchbares geben? Dann fand sie tastend die Kerzen. Sie waren alt und bröckelig und steckten in einer uralten staubigen Folie, aber sie waren unbenutzt und auch eine Schachtel Streichhölzer lag daneben. Aus einer angeschlagenen Kaffeetasse bastelte sie einen Untersatz. Wie sie so dastand und den Henkel der Tasse mit der brennenden Kerze darin umfasste, kam sie sich fast wie ein viktorianisches Fräulein aus einem Jane Austen Roman vor. Fast. Langsam ging sie durch den schmalen Gang.

 

Die Sicherungen waren bestimmt nicht im vorderen Teil des Hauses untergebracht, sondern hier hinten. Oder unten im Keller. Da wollte sie heute Abend aber lieber nicht nachsehen. Sie ging weiter und beleuchtete die Wände rechts und links. Neben der Kellertür fand sie, was sie suchte. Sie öffnete die Klappe und stand vor einem Wirrwarr von Schaltern und kleinen schwarzen Kästchen. Langes herumraten führt auch zu nichts, dachte sie und probierte einfach den grössten Schalter. Es klickte laut. Dann fiel durch die Küchentür Licht in den Gang.

 

Erleichtert ging sie wieder zurück. Hier in der Küche brannte die alte Küchenlampe. Das Licht war gelblich und nicht besonders hell. Die alten Möbel wirkten fast schwarz. In den Ecken lauerten grosse dunkle Schatten. Sie stellte die Kerze auf den Esstisch und ging zurück in den Flur. Auch hier brannte jetzt Licht, aber der Kronleuchter hatte nur noch zwei funktionierende Glühbirnen. Der gesamte Bereich unter der grossen Treppe lag weiterhin in tiefem Dunkel. Sie betrachte die alten Möbel und die schweren Vorhänge. Das alte Zeug würde sich nicht gut verkaufen lassen.

 

Mit einem lauten Krachen fiel die Haustür ins Schloss. Sie zuckte erschrocken zusammen und hätte fast geschrien. Ein geisterhafter Luftzug strich mit Eisfingern über ihren Nacken. Oh Gott, sie hatte die offene Haustür ganz ausser Acht gelassen! Wenn jetzt jemand hineingekommen wäre... Ihr Blick huschte durch den Raum und blieb am Schirmständer hängen. Er stand wieder an seinem Platz. Aber sie hatte ihn doch vor die Tür gestellt, oder nicht?

 

Ihr Handy klingelte und sie kramte in ihrer Manteltasche. «Hallo?» «Ja, ich bin es. Wo bist du?» Sie seufzte. «Immer noch in Onkel Alfreds Haus. Der Verkehr war die Hölle.» Ein Krächzen antwortet ihr. «Was?» «Hallo, bist du noch dran?» fragte sie. «Die Verbindung ist schlecht, ich kann dich kaum verstehen!» hörte sie plötzlich klar und deutlich an ihrem Ohr. «Ich bin im Haus.» rief sie und warf einen schnellen Blick auf das Display. «Ich habe nur ganz wenig Netz!» «Hörst du mich noch?» kam aus der Leitung, gefolgt von einem weiteren Krächzen. «Ich rufe später an!» rief sie in das Telefon und legte auf. Kein Netz... Das war auch nicht gut. Sie musste daran denken, auf dem Heimweg zurückzurufen.

 

Wieder in der Küche machte sie die Kerze aus. Wenn es hier zog, dann war das offene Flämmchen vielleicht keine gute Idee. Auch im schmalen Dienstbotengang konnte sie nun das Licht einschalten. Sie ging hindurch bis ins Esszimmer. Wie im Flur blieben im Kronleuchter einige Glühbirnen dunkel. Die dunklen Möbel und die verhängten Fenster liessen den Raum düster und verlassen aussehen. Aber es waren schwere Möbel aus echtem Holz, stellte sie fest, als sie mit den Fingern über eine Stuhllehne fuhr. In der Anrichte an der Wand blinkte es. Onkel Albert hatte noch echtes Silbergeschirr besessen. Es musste uralt sein. Sie öffnete die Türen des Schränkchens und verschaffte sich einen Überblick. Alt und schwarz angelaufen, aber noch brauchbar. Wahrscheinlich nie benutzt.

 

Durch eine grosse Flügeltür kam sie in den Salon. Hier hatte Onkel Albert Besucher empfangen. Sie war selten hier gewesen, denn als Kind durfte sie in dem grossen Raum mit den teuren Teppichen nicht spielen. Die Ledersessel sahen zerknautscht und rissig aus. Es quietschte, als sie sich probehalber auf einem davon niederliess. Zumindest konnte man noch bequem darinsitzen. Der niedrige Salontisch war staubig. Sie bückte sich und untersuchte die seidenen Perserteppiche, auf die Onkel Albert so stolz gewesen war. Das Alter hatte ihnen schwer zugesetzt und sie waren fadenscheinig geworden. Ihre Finger glitten über einen dunklen Fleck. Feucht. Was war das? War das Dach etwa undicht? Sie sah nach oben zur hohen Decke, konnte aber nichts sehen. Merkwürdig! Es roch nach Alkohol. Als hätte jemand Schnaps oder Likör verschüttet...

 

Sie war doch aber allein im Haus? Die Tür war fest verschlossen gewesen. Und der Strom war abgeschaltet worden. Wer sollte auch hierherkommen? Oder hatte die Anwaltskanzlei jemanden vorbei geschickt, damit er nach dem Rechten sah? Hatte sich dieser Jemand etwas zu trinken genommen? Sie wollte hinüber zur Bar gehen und nachsehen, ob Onkel Albert dort noch Vorräte verwahrt hatte, aber ein Geräusch auf der Treppe lenkte sie ab. Und wenn sie nun doch nicht allein war? Wenn sich jemand hinter ihr ins Haus geschlichen hatte? Warum hatte sie auch die Tür offen gelassen!

 

Entschlossen ging sie durch die nächste Tür zurück in die Eingangshalle und sah die Treppe hinauf ins Dunkel. Dann rief sie laut durch das leere Haus: «Hallo? Ist noch jemand hier?» Aber nur die Stille antwortete ihr. Sie drehte sich einmal um sich selbst. Verrückt, dachte sie sich. Allein in so einem grossen Haus, da wird man bestimmt verrückt. Am Fusse der Treppe zögerte sie. Hier musste Onkel Albert gestürzt sein. Der Briefträger hatte ihn damals gefunden. Er war ganz allein in dem dunklen alten Haus gewesen.

 

Eigentlich wollte sie nichts lieber als kehrtmachen, aber sie sollte wenigstens noch oben nachsehen, ob das Dach wirklich in Ordnung war und ob es in Onkel Alberts Büro vielleicht noch ein paar wichtige Papiere gab. Die sollte sie mit nach Hause nehmen und in Ruhe durchgehen. Langsam stapfte sie die Treppe nach oben. Die kleine Galerie lag im Dunkeln, die wenigen Glühbirnen im Kronleuchter konnten sie nicht erhellen. Die Schlafzimmer waren links über der Küche, das wusste sie noch. Und Onkel Alberts Büro war genau der Treppe gegenüber. Auch dort hatte sie damals nichts zu suchen gehabt. Sie ging zu der nächstgelegenen Tür und drückte die schwere Klinke nach unten. Erst tat sich nichts, doch dann klickte das Schloss und sie konnte die Tür aufschieben.

 

 

Teil II

Der Lichtschalter reagierte sofort. Auch hier brannte nur ein gelbliches, schwaches Licht. Zögernd trat sie ein. Eine dicke Staubschicht bedeckte alles. Der grosse Schreibtisch stand vor der linken Wand und hatte die beiden grossen Fenster der rechten Wand voll im Blick. Sie zog die Vorhänge weg und warf einen Blick hinaus in den Garten. Aber sie sah nur ihr eigenes Spiegelbild in der Scheibe. Und einen Mann in der hinteren Tür zum Dienstbotengang stehen.

 

Erschrocken fuhr sie herum. Die zweite Tür zum hinteren Gang war geschlossen. Dort stand niemand. Ihr Herz schlug rasend schnell. Sie musste sich geirrt haben. Eine Hand über den Mund gelegt versuchte sie, das Gefühl der Panik niederzukämpfen um nicht laut zu schreien. Was für ein Schreck! Wahrscheinlich hatte sie durch die Dunkelheit schon Angstzustände.

 

Langsam beruhigte sich ihr Herzschlag wieder und ihr wurde kalt. Sie hatte vor Angst heftig zu schwitzen begonnen und zitterte jetzt. Ganz ruhig! Ermahnte sie sich. Es war ja niemand da. Sie ging zum Schreibtisch hinüber und zog die Schubladen auf. Jede Menge Kram, eine alte Lesebrille, Schreibzeug, sogar eine Flasche Cognac und zwei Gläser. Langsam setzte sie sich und suchte die Schublade durch, in der Onkel Albert scheinbar alte Briefe und Postkarten aufbewahrt hatte. Aber hier schien nichts Wichtiges zu sein. Drüben, neben der Tür, stand ein alter Bücherschrank mit blinden Scheiben. Erst zögerte sie, dann unterdrückte sie ihre Angst, ging an der hinteren Tür vorbei und öffnete die Schranktüren.

 

Es knarrte laut. Wieder fuhr ihr ein Schauder über den Rücken. Es war aber auch kalt hier in dem alten Haus. Sie trat einen Schritt zurück. Unten in den Regalen standen alte Aktenordner und in einer Ecke lag ein riesiger Stapel loser Papiere. Die konnte sie heute Abend unmöglich alle durchsehen. Sie bückte sich und versuchte, die Beschriftungen auf den Ordnerrücken zu entziffern, aber der Onkel hatte eine furchtbare kleine enge Handschrift gehabt. Nur das, was sie für Jahreszahlen hielt, sagte ihr, dass diese Ordner sehr, sehr alt waren. Sicherlich nichts von Belang.

 

Hinter dem Schreibtisch standen hohe Bücherregale, voll bis unter die Decke mit alten, ledergebundenen Büchern. Auch hier sah sie sich sorgfältig um. Auf den ersten Blick schienen sie zwar alt zu sein, aber sie sahen nicht unbedingt wichtig aus. Dann fiel ihr Blick auf einen Buchtitel: «Verbrechen und Wahnsinn». Was für eine komische Lektüre. Auch die nächsten Titel waren nicht besser: «Lehrbuch der ärztlichen Seelenkunde». «Die Katatonie oder das Spannungsirresein. Eine klinische Form psychischer Krankheit.» «Die psychopathischen Minderwertigkeiten». «The Mask of Sanity». Irgendwie gruselig. Das waren alte psychologische Fachbücher, sogar englische Titel! Aber Onkel Albert war doch kein Arzt, sondern Banker gewesen. Und auch nicht krank. 

 

Ein wenig ratlos durchsuchte sie noch einmal das Bücherregal. Da waren zwar noch weitere Aktenordner, aber auch diese schienen uralt zu sein. Es musste doch auch etwas Brauchbares geben, Kontoauszüge oder Versicherungen oder Wertpapiere. Onkel Albert konnte sein Büro doch nicht nur mit alten Büchern und Ordnern gefüllt haben. Hinter dem Schreibtisch in der einen Ecke des Regals fand sie einige Akten, die etwas neuer aussahen als die anderen. Auch hier konnte sie die Beschriftung nicht lesen. Schliesslich zog sie wahllos mehrere Ordner hervor und schlug sie auf.

 

Na also, da waren die Bankdaten. Seitenweise Kontoauszüge. Sie legte den Ordner auf dem Schreibtisch ab und blätterte hindurch. Die Auszüge waren alt, aber nicht uralt. Sie könnte bei der Bank nachfragen und dort einen Termin machen. Mit dem Erbschein würde sie sicherlich eine Übersicht bekommen. Sie blätterte weiter. Scheinbar hatte Onkel Albert immer wieder sein Gehalt auf dieses Konto einbezahlt bekommen, aber regelmässig jeden Monat fast sein ganzes Geld abgehoben. Was hatte er mit dem ganzen Bargeld gewollt? Das Haus war Teil des Familienerbes, Miete hatte er also keine gezahlt. Wo war sein ganzes Geld hin?

 

Hinter ihr ertönte ein dumpfer Knall. Erschrocken schrie sie auf und fuhr herum. Nur Bücher und Ordner. Sie sah hektisch zu den beiden Türen. Beide geschlossen. Sie war allein. Die vielen Ordner lagen auf dem Boden verstreut. Sie hatte bei ihrer Suche ein kleines Chaos angerichtet. Wahrscheinlich war nur einer der Ordner umgefallen oder verrutscht. Sie kniete sich hin und stopfte alles zurück in das Bücherregal. Sie hatte ja jetzt einen Ordner mit Kontoauszügen. Morgen könnte sie noch einmal herkommen. Oder sie ging erst einmal zur Bank. Ja, den Rest konnte sie sich später ansehen. Vielleicht mit einem Makler zusammen. Jetzt wollte sie nur noch weg.

 

Ein feines Klicken. Leise, wie ein Insekt, das gegen eine Scheibe fliegt. Aber sie erkannte das Geräusch sofort. Das war die Tür! Die Tür zur Galerie. Sie hockte hinter dem Schreibtisch und wagte nicht zu atmen. War da jemand? Sie konnte hören, wie die Türleiste über den Teppich fuhr, ein Wispern von tastenden kleinen Fingern auf Holz. Jemand öffnete die Tür! Sollte sie sich vorbeugen, um hinter dem Schreibtisch hervor einen Blick zu riskieren? Ihr brach wieder der Schweiss aus. Was sollte sie nur tun?

 

Sie warf einen Blick zur hinteren Tür. Wenn sie schnell war, könnte sie den Dienstbotengang nehmen und die Wendeltreppe hinunter nach draussen laufen. Aber sie konnte sich nicht bewegen. Sie war gelähmt vor Angst. Lauschte. War da jemand oder spielten ihr ihre Nerven einen Streich?

 

Ganz ruhig! Nur einen kurzen Blick. Sicherlich war da niemand. Das Haus war alt, die Tür nicht richtig geschlossen gewesen. Der Luftzug! Er hatte sie aufgedrückt. Sie machte sich lächerlich! Aber ihr Herz klopfte wie wild. Alle feinen Härchen an ihrem Nacken hatten sich aufgestellt. Was sollte sie tun?

 

Zittrig holte sie tief Luft. Leise, leise. Dann riskierte sie einen kurzen Blick. Sie sah nur die sperrangelweit geöffnete Tür. Und das gähnende Dunkel dahinter. Vorsichtig beugte sie sich weiter vor.

 

Ein lautes Lachen liess sie zusammenfahren. Da stand der Mann! Der Mann aus dem Fenster! Unbemerkt war er ins Zimmer gekommen. Nur der Schreibtisch war noch zwischen ihnen. Sie fiel nach hinten und schrie. Ihre Beine stiessen gegen den Tisch. Hektisch krabbelte sie vom Tisch weg, zur anderen Tür. Der Mann war alt, aber nicht gebrechlich. Ein wilder grauer Bart bedeckte das ganze Gesicht. Er stiess den Schreibtischstuhl zur Seite, als er versuchte, ihr zu folgen.

 

Sie versuchte, hochzukommen, fiel in ihrer Panik über ihre eigenen Füsse, verlor einen ihrer Schuhe. Dann war sie endlich bei der Tür, warf sich dagegen und zerrte an der Klinke. Sie konnte seine schweren Schritte hinter sich hören. Die Tür ging auf und sie rannte hindurch. Hinein ins Dunkel! Stolperte den Gang hinunter. Verlor den zweiten Schuh. Zu spät merkte sie, dass sie in die falsche Richtung gelaufen war. Die Treppe war am anderen Ende des Ganges! Sie warf einen Blick zurück. Er versperrte den Weg!

 

Durch Onkel Alberts Schlafzimmer zurück auf die Galerie! Sie öffnete die nächste Tür, hastete durch den dunklen Raum und fiel über irgendetwas am Boden. Mit ausgetreckten Armen landete sie auf der alten Matratze. Es roch widerlich faulig. Nur weg hier! Sie rollte vom Bett und fiel auf die Knie. Wo war die Tür? Sie musste zur Treppe gelangen! Seine Schritte waren verklungen. Wo war er? Er hatte sich schon einmal lautlos angeschlichen. Sie krabbelte unter das Bett.

 

Staubig, dreckig und muffig war es hier unten. Mühsam schob sie sich weiter. Verstecken. Wenn sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnten, die Tür suchen, die Treppe hinunter und raus hier! Ihre Arme zitterten. In ihrem Schienbein pulsierte es schmerzhaft. Sie legte sich die Hand über Mund und Nase. Nur kein Geräusch machen.

 

Sie konnte nicht hören, wie er in das Zimmer kam, aber sie spürte plötzlich seine Anwesenheit. Er stand im Raum. Lauschte. Er suchte nach ihr! Aber er durfte sie nicht finden. Angespannt lag sie da und hielt die Luft an. Wartete. Die Augen weit aufgerissen.

 

Langsam schälten sich Konturen aus der Dunkelheit. Schwarze Beine in schweren Schuhen standen direkt vor dem Bett. Schwärzer noch als der Rest. Ein Zittern lief durch ihren ganzen Körper. Er durfte nicht nachsehen. Bitte nicht unter das Bett sehen!

 

Die Beine gingen um das Bett herum. Vor lauter Angst kniff sie die Augen zu. Es kam ihr vor wie eine Ewigkeit. Dann hörte sie eine Tür in den Angeln quietschen.

 

Sie krabbelte vorsichtig wieder unter dem Bett hervor. Sah sich um. Die Tür zur Galerie stand einladend offen, das Licht im Flur konnte sie als vagen hellen Schimmer gerade so ausmachen. Dort wollte sie hin, aber da war gerade der Mann hingegangen. Also musste sie einen anderen Weg nehmen.

 

Sie sah zum Fenster. Verschlossen. Würde sie es unbemerkt öffnen können? Und selbst wenn, wie kam sie aus dem oberen Stockwerk heil nach unten? Oder sollte sie zurück auf den Dienstbotengang? Hinter ihr gab es noch eine weitere Tür. Langsam und leise schlich sie hinüber. Gebückt.  Vorsichtig drückte sie die Klinke nach unten. Bloss kein Geräusch machen!

 

Das Badezimmer! Auch hier führte noch eine Tür auf die Galerie. Es gab keinen Vorhang. Kaltes Mondlicht fiel auf die alten Kacheln und spiegelte sich in der Schranktür über dem Waschbecken. Sie trat schnell ein und machte die Tür leise wieder hinter sich zu. Vorsichtig ging sie zur anderen Tür hinüber. Spähte erst durch das Schlüsselloch.

 

Da war nichts zu sehen, nur Dunkelheit. Sie drückte die Klinke herunter. Schob die Tür auf. Lauschte auf jedes Geräusch. Blinzelte vorsichtig durch den Türspalt. Nichts.

 

Sie drückte die Tür ganz auf und tastete sich vorsichtig auf den Flur. An der Strasse stand ihr Auto. Sie musste es nur die Treppe hinunter, durch die Haustür und bis zur Strasse schaffen. Ein Kinderspiel! Dann konnte sie wegfahren und die Polizei anrufen.

 

Auf der Galerie war es dunkel. Sie ging bis zum Geländer und warf einen Blick hinunter. Niemand da.

 

Leise schlich sie sich zur Treppe. Durch ihre Strümpfe hindurch spürte sie das kalte Holz. Sie fröstelte und ihr ganzer Körper bebte. Leise!

Hinter ihr klappte die Badezimmertür. Sie schrie auf und rannte panisch nach unten. Auf der Treppe wäre sie fast gestolpert. Hektisch warf sie sich gegen die Eingangstür und rüttelte an der Klinke. Als sie sich umdrehte, stand der Mann direkt hinter ihr. Ein weiterer Schrei hallte in ihrem Kopf wieder, dann kam der Boden auf sie zu und es wurde dunkel...

Als sie wach wurde, starrten ihre Augen ins Nichts. Wo war sie? Sie richtete sich mühsam auf und sah sich um. Sie lag auf einer schimmeligen Matratze. Die Wände waren aus grobem Mauerwerk. Auf einem kleinen Schemel neben der Tür blakte eine Kerze vor sich hin. Die Tür! Sie stand auf und durchquerte den winzigen Raum in zwei Schritten. Sie rüttelte an der Tür. Abgeschlossen!

Was wollte der Mann von ihr? Wieso brach er ein und entführte sie? Sie sah sich zitternd um. Bis auf ihre Handtasche fehlte nichts. Der Raum war klein, sie stiess sich fast den Kopf an der Decke. Es roch vertraut. War sie etwa immer noch in Onkel Alberts Haus?

Sie untersuchte die Tür, denn Fenster gab es keins. Die Tür war aus schwerem Holz, das mit der Zeit nachgedunkelt war. Die Beschläge waren alt und verrostet. Genau wie das Schloss. Sie prüfte und probierte, aber es sass trotzdem bombenfest. So sehr sie auch kratzte und zog, nichts rührte sich. Dann schaute sie durchs Schlüsselloch. Dunkel.

Aber halt! Ein bisschen Licht fiel unter der Tür durch. Also steckte der Schlüssel im Schloss! Wenn sie nur etwas Schmales hätte... sie ging zurück zu der Matratze und untersuchte den Bezug. Er war nicht nur stockfleckig und an einigen Stellen schwarz, sondern auch mürbe. Sie bohrte ihren Finger in ein Loch, zog und zerrte daran. Sie riss immer weiter, bis der Stoff nachgab. Mühsam zog sie langsam den Bezug von der Matratze. Es staubte und ihre Augen begannen zu tränen. Auch als sie sich die Fingernägel einriss, hörte sie nicht auf.

Endlich hatte sie ein grosses Stück des Matratzenbezuges abgerissen. Damit ging sie zurück zur Tür. Langsam liess sie das Stück unter der Tür hindurch gleiten. Es klappte! Stolz sah sie sich um. Sie hätte nie gedacht, dass der Trick wirklich funktionierte... Aber ihr fehlte noch etwas, um den Schlüssel aus dem Schloss zu stochern!

Gerade als sie sich umsah, hörte sie Schritte. Er kam! Sie sprang auf und in ihrer Panik versteckte sie sich an dem einzigen möglichen Ort, den es gab, hinter der Tür. Der Schlüssel knarrte im Schloss, dann wurde die Tür aufgezogen. Der Mann sah die zerstörte Matratze, grunzte etwas Unverständliches und machte einen Schritt in den Raum hinein.

Panisch warf sie sich nach vorn, brachte ihn mit ihrem Körpergewicht ins Wanken, stiess ihn von sich und hechtete aus der Tür hinaus. Am Türrahmen stiess sie sich die Schulter. Dadurch machte sie eine halbe Drehung und bekam die Tür zu fassen. Sie konnte den Mann sehen, der sich umgedreht hatte und sie anstarrte. Instinktiv warf sie die Tür zu. Sie konnte ihn schreien hören und stemmte sich dagegen.

Der Schlüssel! Er hatte ihn tatsächlich stecken lassen! Sie presste sich so fest sie konnte gegen die Tür, stemmte die Beine in den Boden und drehte mit zitternden Händen den Schlüssel herum. Es knirschte. Der Mann sass in der Falle.

Mit wackeligen Beinen lief sie völlig orientierungslos einen langen Gang entlang. Rechts und links gab es noch mehr Türen wie die, hinter der sie gefangen gewesen war. Sie konnte ihn hinter sich brüllen hören. Die Tür erzitterte unter seinen Schlägen. Es war dunkel und kalt und modrigfeucht. Ihre Socken waren durchnässt. Sie musste in einem Keller sein. Wahrscheinlich unter Onkels Alberts Haus. Nur raus hier!

Eine grosse Tür links führte sie in einen grossen Raum. Es roch widerlich süss, nach Blut und Verwesung. Ihre Schritte hallten durch das Halbdunkel. Der Boden war gefliest. Ihr Instinkt sagte ihr, dass sie hier besser nicht hinein ging. Sie drehte sich um und hörte ihn immer noch poltern. Zurück konnte sie nicht. Also betrat sie zögerlich den Raum.

In der Mitte stand eine Metallbahre über einem Abfluss im Boden. Alles glänzte nass und silbrig im Licht der einzelnen Neonröhre an der Decke. An der Metallbahre hingen Fesseln nach unten. Sie schluckte schwer. An der gegenüberliegenden Wand hingen an einer Art makabren Werkstattwand lauter stählerne Instrumente und Messer. Tief durchatmen!

Sie versuchte, sich ganz auf die Wand vor ihr zu konzentrieren. Da war eine weitere Tür. Sie ging hinüber, bemühte sich, auf dem nassen Boden nicht auszurutschen. Hinter ihr aus dem Gang ertönten immer noch Schreie. Lauter jetzt und irgendwie klagend. Sie gingen in ein monotones dunkles Heulen über. Es klang grausig und sie wollte nur noch weg! 

Die Tür war verschlossen! Natürlich und wahrscheinlich hatte der Mann den Schlüssel bei sich! Verzweiflung stieg in ihr hoch. Sie musste hier weg!

Hektisch sah sie sich um und erblickte die andere Wand. Dort hingen an grossen Fleischerhaken lange Fleischstücke von der Decke. Bleiches, blutiges Fleisch. Es roch immer intensiver nach Schimmel und Tod. Und nach Rauch und gebratenem Fleisch. Mit einem Mal musste sie würgen.

Sie wollte sich das nicht ansehen und drehte sich wieder zur Tür um. Zog und rüttelte daran. Erst da fiel ihr der Riegel auf. Sie hatte ihn vor lauter Angst übersehen! Mit zitternden Händen zog und zerrte sie weiter und bekam endlich die Tür auf.

Vor ihr lag eine dunkle Treppe, aber sie stürmte hinauf. Nichts hielt sie mehr in dem grossen Raum.

Mit wackeligen Beinen gelangte sie an eine weitere, kleine Tür. Sie warf sich in ihrer Angst dagegen und zu ihrer grossen Erleichterung sprang sie sofort auf. Mit einem lauten Klatschen fiel sie vornüber auf den Holzfussboden. Als sie den Blick hob, sah sie direkt vor sich die Stufen einer Wendeltreppe.

Diesen Ort kannte sie! Hier hatte sie als Kind immer verstecken gespielt! Sie kroch unter der Treppe hervor und wimmerte. Mühsam kam sie hoch. Ihre Beine wackelten und sie konnte kaum einen Schritt vor den anderen setzen. Weinend riss sie die Tür zur Eingangshalle auf, rannte so schnell sie konnte hindurch und zur Haustür.

Verschlossen! Wieso? Sie rüttelte an der Klinke und sah sich um. Kein Schlüssel. Sie klopfte ihre Taschen ab. Nichts. Wieso nur? Sie war doch fast draussen! Im Dunkeln drehte sie sich panisch um die eigene Achse und wimmerte. Bestimmt hatte er sich schon befreit.

Da strich der Wind mit kühlen Fingern über ihren Nacken. Sie hatte das Fenster geöffnet als sie hereingekommen war! Jetzt stürzte sie hinüber. Kein Gitter davor. Ohne nachzudenken kletterte sie hindurch und liess sich in den Garten hinunter. Ihre Füsse tasteten an der Wand entlang und dann spürte sie den alten Blumenkübel unter sich. Sie stiess sich von der Wand ab und sprang. 

Der Sprung war nicht gross und sie landete auf dem ungemähten Rasen. Feuchte Erde durchnässte ihre Kleider. Mühsam kam sie hoch und stolperte weiter. Nur noch bis zur Strasse! Ein Auto anhalten! Hilfe rufen!

 

Am nächsten Morgen wachte sie im Krankenhaus auf. Neben ihrem Bett sass ein Polizeibeamter. Sie erkannte ihn wieder. Er hatte gestern Abend schon nach ihr gesehen, bevor der Krankenwagen sie mitgenommen hatte. Aber seinen Namen hatte sie vergessen. Bei seinem Anblick kamen ihr die Tränen. Sie hatte also nicht geträumt.

Der Beamte erzählte ihr, was sie in dem Haus ihres Onkels gefunden hatten und dass es besser wäre, wenn dies erst einmal nicht an die Öffentlichkeit käme. Hatte sie gewusst, dass Onkel Albert einen Zwillingsbruder namens Alfred gehabt hatte?

Nein.

Dieser Zwillingsbruder hatte all die Jahre mit Onkel Albert in diesem Haus gelebt, versteckt vor aller Augen im Keller. Dort hatte er sein grausiges Unwesen getrieben. Junge Frauen hatte er entführt, meist Prostituierte und Ausreisserinnen, die niemand vermisste. Und was aus diesen Frauen geworden war, hatte sie ja gesehen.

Sie wollte das nicht hören. Das war zu grausig. Wie konnte das nur passieren? Und ihr eigener Onkel?

Er hatte jahrelang nach einer Heilung für seinen Zwillingsbruder gesucht. Dessen Abartigkeiten hatte er als psychische Krankheit kurieren wollen, bis dahin hatte er ihn versteckt. Mit dem Geld hatte er die Spuren verwischt und alles getan, um die Taten seines Bruders zu vertuschen. Die sterblichen Überreste der Opfer hatten sie in den vielen Kellerräumen unter dem Haus versteckt. Albert hatte alle Namen fein säuberlich notiert. Das alles stand in dem Tagebuch, das man in Onkel Alberts Schlafzimmer gefunden hatte. 

Der Polizist wollte genau wissen, was passiert war. Wie sie entkommen konnte. Sie musste alles noch einmal erzählen. Weinend berichtete sie. Vor allem den Moment ihrer Flucht, als sie den Schlüssel im Schloss herumdrehte, wollte er wieder und wieder hören.

Man hatte Alfred in dem kleinen verschlossenen Raum gefunden. Er hatte bei dem Versuch zu entkommen die Kerze auf dem Schemel umgestossen. Die billige Matratze hatte sofort Feuer gefangen und lichterloh gebrannt. Auch Alfreds Kleider und Haare hatten angefangen zu brennen. In dem fensterlosen Raum hatte ihm aber schliesslich der Rauch den Gar ausgemacht. Dann war das Feuer einfach im Dunkeln erstickt.

So nahm die Geschichte des dunklen Zwillings ein jähes Ende.