Kurzgeschichten online

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Die Schlüssel

Teil I :  "Auf nach Kruchloch"

 

"Zeig mal her das Teil!" meint Jeremy und reisst den Zigarrenkasten an sich. "Auf keinen Fall! Das muss ich nachher wieder zurücktun, mach bloss nichts kaputt!" brummt Benny und nimmt Jeremy den Kasten wieder ab. Er schwitzt ein bisschen. Weil er die Zigarrenkiste von seinem Onkel einfach eingesteckt hat, drückt ihn nun das schlechte Gewissen. Er will sich nichts anmerken lassen, aber er ist genervt und sein Ton ist barsch.

 

"Lasst gut sein, bis wir da sind... ich will hier keine Flecken im Auto!"ruft Toni und schaltet einen Gang höher. Er fährt gerade mit 70 Sachen die Autobahnauffahrt hoch. Und die Idioten auf der Rückbank rangeln mit offenen Getränkedosen in den Händen um die olle Kiste. Autobahn ist er seit der Prüfung nicht mehr gefahren. Wie war das noch gleich mit der Vorfahrt?

"Typisch Pingeltoni... immer in Sorge um das Auto." provoziert ihn Finn und grinst breit. Er hat es sich auf dem Beifahrersitz bequem gemacht und die Füsse auf die Konsole gelegt. "Klappe, Finno... sonst bist du längste Zeit erster Klasse gefahren!" droht Toni und wirft einen Blick in den Rückspiegel. Da kommt eh niemand. Hätte ihn um die Uhrzeit auch gewundert. Er wechselt die Spur ohne zu blinken. Links zieht ein Audi vorbei.

 

"Kann ich dann vorne sitzen?" wirft Benny ein. "Jeremy nervt!" "Hey, du bist heute auch nicht gerade cool drauf, mein Alter." nörgelt Jeremy. "Ich wollte ja bloss noch mal in die Kiste gucken." 

 

"Ich sitze vorn und fertig." bestimmt Finn und verschränkt die Arme vor der Brust. Es ist halt schon lässig, der beste Kumpel zu sein, vor allem seit Toni Führerschein und Auto hat. Finns Platz auf dem Beifahrersitz ist ihm heilig. "Wann machst du denn eigentlich den Führerschein?" versucht Benny das Thema zu wechseln und greift wie oft schon daneben. Im Ton und auch im Thema. "Was geht dich das an, du Schlumpf? Kann ja nicht jeder nen Vater haben, der einem alles bezahlt!" nörgelt Finn und dreht sich weg. Benny legt die hohe Stirn in Falten. "Ich mein ja nur, wir könnten halt zusammen in den blöden Unterricht gehen." Er sieht aus dem Fenster und tut so, als würde ihn das mit dem Schlumpf nicht stören. Jeremey lacht leise neben ihm.

 

Toni hat auf 120 erhöht und überholt einen Wohnwagen. "Wo ist eigentlich die Ausfahrt?" fragt er und zieht wieder auf die rechte Spur. "Nicht das wir dran vorbeifahren!" Benny beugt sich zum Fahrersitz vor. "Das müsste gleich der nächste Parkplatz sein. Der ohne Klo." sagt er und wirft einen Blick auf den Tacho. "Es sind nur zehn Kilometer bis zum Parkplatz, wahrscheinlich sind wir gleich da."

 

Jeremy nuckelt an dem Energy-Drink rum und rülpst. Er geht Benny sowas von auf die Nerven. Aber er hat neulich in der Umkleidekabine alles mitangehört und Toni und Finn haben nichts gesagt, als er sich einfach eingeladen hat.

Seit Wochen versucht Benny, bei den anderen Anschluss zu finden. Als Neuer in der Klasse war das zuerst gar nicht so leicht. Nach dem Umzug von Hamburg zurück in die alte Heimat hatte er sich immer wieder gesagt, dass er ja nicht ganz fremd hier war. Ausser Toni kannte er in der neuen Schule niemanden von früher und er hatte gehofft, dass sein Freund aus dem Sandkasten ihn immer noch gut leiden könnte. Aber die Freundschaft zu erneuern war nicht so leicht gewesen. Mühsam hat er sich um Tonis Aufmerksamkeit bemüht. Seit der Grundschule hat sich viel verändert. Toni hängt nur noch mit Finn rum, meistens fahren sie mit Tonis Auto durch die Gegend. Am Wochenende werden sie auf Partys eingeladen oder gehen in die Disko im Nachbarort. Da zieht Finn sich an einer Cola hoch, während Toni den Mädels Getränke ausgibt. Benny hatte eine Weile zugesehen, war immer mal wieder allein in der Disko aufgetaucht und schliesslich waren auch die Party-Einladungen gekommen. Aber dass er jetzt einen guten Draht zu den Jungs hat und mit ihnen im Auto herumfährt, dass liegt nur daran, dass er sich im Fussballverein angemeldet hat. Seitdem er regelmässig ins Training geht, läuft es besser für ihn. Und jetzt ist dieser blöde Jeremy da und läd sich einfach so ein.

 

Benny dreht die Zigarrenkiste in seinen Händen. Er hat sie im Haus seines Onkels gefunden, als er im Arbeitszimmer nach Zigaretten gesucht hat. Nach der Scheidung war bei seiner Mutter das Geld knapp und sein Taschengeld hatte sich somit halbiert. Gerade seine Handyrechnung konnte jetzt er noch berappen! Sein Vater war in Hamburg geblieben und meldete sich so gut wie nie. Also versucht Benny, anders an  dringend benötigte Sachen zu kommen. Sein Onkel, ein starker Raucher, hat überall in seinem Haus Zigarettenschachteln liegen und merkt gar nicht, wenn Benny sich vor einer Party ein paar davon abzweigt, damit er den Mädels eine anbieten kann. Er will nicht dumm neben Toni stehen wie Finno- auch wenn der nichts dafürkann, dass die Alten arbeitslos sind.  Als Benny im Wandschrank über die Kiste gestolpert war, hatte er erst an Zigarren gedacht. Das würde Eindruck bei den Jungs machen, so eine fette Kubanische. Aber Zigarren waren in der Kiste längst nicht mehr drin.

 

Nach dem Training ist Benny mit der Geschichte von der Zigarrenkiste angekommen, er hat es extra nicht in der Schule erzählen wollen.  Finn und Toni sind ganz hellhörig geworden. Das klang doch nach einem richtigen Abenteuer! Wie heiss die Sache wirklich war, merkten sie daran, dass sich plötzlich Jeremy an ihre Hacken klebte. Der 19-Jährige ist ein Jahr älter und hat gerade die Lehre abgebrochen.  Aus dem Fussballverein wäre er fast rausgeworfen worden, weil er einen Gegenspieler nach einer Niederlage zusammengeschlagen hat. Aber nur fast. Wenn er auch ein übler Kerl war, der Verein wäre ohne ihn in der Liga abgesoffen. Jeremy war einer der besten Torschützen im Landkreis. Dafür nahm der Trainer seine Charakterschwächen hin. Gewöhnlich gibt er sich nicht mit den anderen Jungs ab, sondern trifft sich mit seinen Kumpels in der Innenstadt. Dreht irgendein Ding. Der Kerl bedeutet doch nichts als Ärger. Wie jetzt auch... "Hey, zündest du dir gerade einen Joint an?!" keift Toni und geht vom Gas. "Mach den aus! Sofort!" Jeremy lacht nur. "Ich kriege richtig Ärger, wenn mein Alter das riecht, im Ernst jetzt! Mach aus!" Toni lässt das Fenster runter und spürt die frische Luft hereinströmen. Er beschleunigt wieder.

 

Jeremy grinst nur. Vorsichtig löscht er das Tütchen und versorgt es in der kleinen Metalldose. Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, wenn er nicht völlig stoned ist. "Was für eine Memme." meint er: "Nimmt dein Papi dir dann die Schlüssel weg oder was?" Toni ärgert sich. Warum hatten sie den Kerl mitgenommen? Er hat sich gleich gedacht, dass der Ärger machen würde. "Wenn du so fragst, ja. Und mein Alter ist da knallhart. Die Abmachung war: keine Joints! Der zieht das durch und ich bin das Auto los."

 

Finn pflichtet ihm bei. "Tonis Alter ist da wirklich völlig hart. Der kennt da nichts." Eigentlich ist Tonis Vater richtig cool, nicht so nervig wie Finns Dad, aber das muss Jeremy ja nicht wissen. Abgemacht ist immerhin abgemacht. Und was geht es den Jeremy an? Das hätte eine richtig gute Aktion werden können, mit Toni und Benny mal so richtig einen draufmachen. Wie im Film, nicht bloss Party, sondern richtig Action. Und dann war der Schlägertyp dazugekommen. So richtig gefällt Finn das nicht.

 

"Wann sind wir denn eigentlich mal da?" wirft Jeremy ein und äugt hinaus in die Dunkelheit. Sehen kann man so gut wie nichts. Aber hinter dem Fahrbahnrand ist eh nur kilometerweiter Wald. Benny windet sich ein bisschen. "Ich hoffe, die alte Karte stimmt. Es müsste eigentlich direkt auf dem Parkplatz Kruchloch sein." "Kruchloch ist ein Drecksloch." höhnt Jeremy. "Da gehen doch höchstens Stricher hin. Hoffentlich hast du recht mit dem Scheiss, sonst muss ich dir ein bisschen das Näschen plätten. Immerhin verschwende ich wegen dir wertvolle Zeit." drohe er und amüsiert sich über Bennys erschrockenes Gesicht. Er hat gar nicht vor, dem Dicken was zu tun. Eigentlich hat er vor ihm noch mehr Respekt als vor den anderen beiden Witzfiguren. Schlechte Spieler sind sie alle drei, keine Frage. Aber der dicke Benny will wenigstens fit werden und konzentriert sich beim Spielen. Die anderen beiden nehmen doch nichts ernst. Als er die Jungs über Kruchloch reden hörte, war er zunächst nicht sonderlich interessiert. Aber als Benny von dem stillgelegten Gebäude sprach und dass es seit Jahren niemand mehr benutzt hatte, ist er hellhörig geworden. Vielleicht gibt es da was abzustauben, was sich richtig lohnt.

 

"Alles klar, hier ist der Parkplatz." meint Toni und fährt von der Autobahn runter. Er bremst und nimmt die erstbeste Parklücke. Der Golf steht ein bisschen schiefdrin. Egal. Dann stellt er den Motor ab. Der Parkplatz ist leer. Nicht einmal ein LKW steht hier herum. "Hier ist ja so richtig tote Hose." brumme Finn und stiert nach draussen. "Ich seh da rein gar nichts. Seid ihr sicher, dass es da ein Gebäude gibt?" Die Jungs betrachten die Bäume und hohen Hecken, die das Scheinwerferlicht schlucken. Es gibt wirklich nichts zu sehen, da ist nur dieser schwarze Schlund. "Da müsste eine Zufahrt sein." meint Benny und öffnet die Zigarrenkiste. Er holt die Karte hervor. "Gib mal her!" fordert Toni und greift nach hinten. Benny reicht ihm den Plan. "Das ist der alte Bauplan vom Haus." "Ja, das seh ich auch. Und wo ist hier die Zufahrt?!" Benni beugt sich weiter vor und streckt den Arm mühsam aus, um auf den Punkt im Plan zu zeigen. "Hier geht die Strasse von der Autobahn ab und hier ist die Zufahrt. Aber jetzt sind hier nur Parkplätze." Er sieht sich ratlos um. Vielleicht ist seine Idee, dem alten ausgedienten Rastplatz einen Besuch abzustatten, doch nicht so gut gewesen. Hier ist gar nichts. Finn hat auch auf den Plan geschaut. Jetzt blickt er angestrengt zwischen die Bäume. "Wie alt ist der Plan, zwanzig Jahre?" Benny weiss es nicht. Er konnte ja schlecht seinen Onkel fragen. "Vermutlich älter, wieso?" Finn zeigt auf die Bäume. "Das sind doch Eschen? Die wachsen schnell. Wahrscheinlich waren sie damals noch nicht da." "Woher willst du denn wissen, dass das Eschen sind?" höhnt Jeremy und grinst wieder. Benny blickt auf. Finns Alter hatte einen eigenen Betrieb, bevor er Pleite ging, eine Gärtnerei. Finn kann also Recht haben. "Du meinst, die Bäume verstellen die Sicht auf das Haus?" Finn nickt nur. Toni starrt auch nach draussen. "Sieht aus wie ein Zaun zwischen dem ganzen Gestrüpp da. Dann haben die den Schuppen dichtgemacht, einen Zaun gezogen und die Zufahrt versperrt. Und die Bäume verdecken jetzt alles." kombiniert er. Jeremy öffnet die Autotür. "Alles klar, dann steigen wir mal aus."

 

 "Achtung Selfie!" schreit Finn und reisst sein Smartphone hoch. Es blitzt einmal und Benny sieht so gut wie nichts mehr. "Mensch, Finno, wenn uns jetzt jemand sieht oder was?"

 

Toni schliesst das Auto ab. Ist schon ok, noch sind wir ja nur am Parken." meint er lapidar. Benny fühlt sich trotzdem unwohl. Ist es nicht theoretisch Hausfriedensbruch oder sogar Einbruch, was sie vorhaben? Denn er hat ja nicht gefragt. Mit einmal gefällt ihm die ganze Aktion gar nicht mehr.

 

"Keine Fotos mehr, du Vollidiot!" sagt Jeremy mit einer bedrohlich dunklen Stimme. "Jedenfalls nicht von mir, ist das klar?" Finn steckt das Smartphone ein. "Ist doch eh verwackelt. Was regt ihr euch auf, he? Noch haben wir ja nichts gemacht, wie Toni sagte, alles cool." Benny nickt. "Ja, noch können wir umdrehen." Ihn hat ein mulmiges Gefühl beschlichen. "Schiss, oder was?" macht sich Jeremy über ihn lustig. "Der Dicke hat schon die Hosen voll. War ja klar." Benny atmet tief ein und aus- und versucht sich nichts anmerken zu lassen. "Ich meine ja nur. Falls einer von euch noch kneifen will, jetzt ist der Moment." stösst er hervor und läuft einfach los. Den Angstschweiss, der ihm den Rücken hinunterkriecht, ignoriert er.

 

Toni schaltet seine Taschenlampe ein. Benny ist schon losmarschiert, quer über den Rasen auf den Zaun zu. Toni setzt ihm nach. "Weisst du wo lang?" fragt er und leuchtet mit der Lampe den Zaun ab. "Sieht irgendwie alles dicht aus. Da ist kein Tor oder so." Benny bleibt kurz stehen und fingert an seiner Jackentasche herum. "Da muss ja irgendwo etwas sein. Abgerissen haben sie den Kasten sicherlich nicht." Endlich hat er die Taschenlampe heraus. Er knipst sie an und geht einen Schritt zurück, legt den Kopf in den Nacken. Über den dunklen Baumwipfeln drängt sich nur nackter schwarzer Himmel. Ein paar zerrissene Wolkenfetzen fegen über den Mond hinweg. Ansonsten ist nicht viel zu sehen. Die Lampe bringt ihm fast gar nichts. Viel zu schwach das Licht.

 

"Überleg doch mal logisch. Wenn man von der Autobahn runterfährt, dann muss die Ausfahrt zum Rasthof doch gleich neben der Abfahrt sein, also am Anfang. Also theoretisch muss man noch was sehen, wo da mal die Zufahrt war." Toni beleuchtet den Weg vor ihm. Die anderen beiden haben sie eingeholt. "Und jetzt?" fragt Finn und steckt die Hände in die Taschen. Er hält sich so fern von Jeremy wie es geht. Seine Finger halten sich an seinem Handy fest. Jeremy ist ihm so richtig unheimlich. Irgendwas stimmt mit dem Kerl nicht. Der hat nichts Gutes im Sinn. 

 

"Geht mal hier den Zaun ab, irgendwo muss ja ein Eingang sein." kommandiert Toni und leuchtet immer noch den unteren Teil des Zauns an. Benny starrt auf den Dreck zu seinen Füssen und macht ein paar Schritte nach rechts. Aber er sieht da irgendwie nichts. Nur Unkraut und Gras, das niemand schneidet oder mäht. Müll hat es da noch. Und es riecht auch total unangenehm. Er will gar nicht so genau wissen, wo er da drinsteht. Irgendwie hatte er sich das leichter vorgestellt.

 

Jeremy ist nach links gegangen, immer am Zaun entlang. Er findet schnell, was er sucht. Dort wo der Zaun ganz nah am Fahrbahnrand steht, hinter den ersten paar Parkplätzen, wird er fündig. Hier auf dem Dreck wächst wenig Gras, hauptsächlich Löwenzahn und Brennnesseln. Und unten am Zaun sieht er schliesslich ein kleines Rad.             Den Teil des Zauns kann man bewegen. Er rüttelt daran und spürt, dass der Zaun nachgibt. Er wackelt heftiger daran. Es rasselt und klingt irgendwie hohl. "Helft mir mal, ihr Vollidioten!" ruft er den anderen zu, die sich bereits zu ihm auf den Weg gemacht haben. Finn bleibt neben ihm stehen. "Warte mal, mach hier nicht so einen Lärm. Wenn das aufgehen soll, dann muss irgendwo ein Haken sein oder so." Er sucht den Zaun von unten nach oben ab, fängt beim Rad unten an und leuchtet mit seinem Handy nach oben. "Hier ist ein Schloss dran." bemerkt er schliesslich und sieht sich nach Benny um. "Was sagt die Zigarrenkiste dazu?" Benny steckt die Taschenlampe in den Mund, um die Hände frei zu haben und öffnet umständlich den Deckel. Er fühlt, dass die anderen ihn beobachten und das macht ihn ganz nervös. In der Kiste sind neben dem Plan noch Papiere, ein Flyer, eine alte Speisekarte oder so was, und ein kleiner Schlüsselbund. Er reicht Finn die Schlüssel.

 

Während der alle durchprobiert, stehen sich die Jungs die Beine in den Bauch. Irgendwann im Laufe des Abends ist es kalt geworden. Es herbstet schon und die Nachtluft ist kühl und dick. Sicherlich wird es am Morgen Nebel geben. Hier am Tor steht keine Laterne und dunkle Schatten erschweren Finn die Suche nach dem richtigen Schlüssel. Endlich hat er es geschafft. Doch das Tor will nicht aufgehen. "Da ist sicherlich zu viel Unkraut im Weg." meint Finn und gibt Benny den Schlüssel wieder. Dann macht er sich daran, ein paar dicke Büschel Löwenzahn vor dem Tor herauszuziehen. Er wirft sie neben sich ins Gras. "Fasst du da mit blossen Händen rein?" ekelt sich Benny. "Und was ist mit den Brennnesseln?" Finn blickt auf und zieht wieder am Tor. Es weitet sich um wenige Zentimeter. "Das passt schon, wir brauchen ja nur einen Spalt und nicht das ganze Tor öffnen. Jetzt sei kein Weichei und pack mal mit an."

 Gemeinsam schaffen sie Unkraut und Dreck beiseite, schieben die Erde und den Müll fort und bekommen so langsam das Tor weit genug auf, um hindurch zu schlüpfen.

 

"Tja, willkommen im Drecksloch!" ruft Jeremy und breitet theatralisch die Arme aus. Auch hier ist alles voller Schutt und Unkraut. Die Büsche haben sich vom Fahrbahnrand aus grosse Teile der Strasse zurückerobert. Sie strecken ihre Äste wie dürre Hände nach ihr aus. Der abgefahrene Asphalt sieht ganz bucklig und hügelig aus, weil Wurzeln und Unkräuter durchgebrochen sind. Die Jungs müssen vorsichtig laufen, um nicht zu fallen.

 

Finn sieht sich fröstelnd um. Die ganze Anlage ist hinter den Bäumen wirklich nicht zu sehen, weil das Gelände leicht abfällt. Der Weg, auf dem sie jetzt gehen, verläuft in einer weiten Linkskurve hinunter in ein flaches Tal. Ursprünglich muss dass mal die Zufahrtsstrasse gewesen sein. Aber viel ist nicht mehr übrig. Weiter vorn gabelt sie sich, und so führen zwei Wege um die Gebäude herum. Vorn steht scheinbar eine alte Tankstelle. Doch dort, wo einmal die Tanksäulen waren, sieht man nur noch ein paar runde Klötze über dem Erdboden. Toni ist vorausgelaufen und steht vor einem davon. Er beleuchtet ihn interessiert mit seiner Taschenlampe. "Was glaubt ihr, haben die noch Benzin da drin?" fragt er und schaut aus, als hätte er schon den ersten Schatz entdeckt. "Sicher nicht. Alles, was Geld bringt, ist längst weg." meint Benny und leuchtet vor sich den Weg ab. "Selbst wenn..." schnauft Finn, geht näher und besieht sich ebenfalls die verschweissten Stahlkuppen. "Du wüsstest ja nicht, was Diesel und was Benzin ist."

 

Benny hat den Plan herausgeholt. Die Tankstelle ist verhältnismässig klein, mit gerade einmal vier Zapfsäulen und einem schmalen Gebäude für die Kasse und den angeschlossenen Laden. Man muss ein Stück laufen, bis man zum eigentlichen Rasthof kommt. Dazwischen waren wohl einmal Parkplätze. Er marschiert vorsichtig weiter.

 

Jeremy ist bei der Eingangstür angekommen. Die Glasscheiben sind von innen mit Zeitungen zugeklebt. Hier und dort löst sich das Papier. Jeremy drückt sein Gesicht an das kalte Glas. Er späht hindurch. Dahinter kann man Schemen erahnen. Ladenregale und eine grosse Theke im Hintergrund. Jetzt holt auch er eine Taschenlampe heraus und leuchtet alles ab. Sehen kann man sie von oben wahrscheinlich nicht. Zu viele Bäume verdecken die Senke. Er kniet sich hin und macht sich an dem Vorhängeschloss zu schaffen. Ein altes Schloss und ein bisschen rostig, aber er knackt es sicher. Dann werden sie ja sehen, ob wirklich alles was Geld bringt, längst weg ist.

 

"Was machst du denn da? Brichst du das Schloss auf?!" ruft Benny hinter ihm und rennt herüber. Jeremy kann seine schweren Schritte hören und das Rascheln der Jacke. Er braucht nicht mehr viel Zeit. "Ich sehe mich drinnen um." brummt er und bearbeitet das Schloss weiter. "Hör mal, das gehört immer noch alles meinem Onkel! Also lass das sein und mach nichts kaputt!" Jeremy hält inne und dreht sich zu dem Dicken um. "Und was soll das heissen, Schwabbel?" fragt er leise. Er wirft ihm einen gut geübten Blick zu. Das schüchtert die Meisten ein. Keiner legt sich mit ihm an. Benny schluckt. In dem Moment blitzt es wieder grell auf.

 

"Bitte recht freundlich!" schreit Finn und drückt noch einmal auf den Auslöser. "Was machst du da, du KLEINER PISSER!" schreit Jeremy und springt auf. "Ich habe gesagt keine FOTOS!" Er stürmt an Benny vorbei, der immer noch neben der Tür steht und auf Finn zu. Finn steckt das Handy blitzschnell ein. "Falls du auf dumme Ideen kommst... dann kriegen alle dein Foto zu sehen- auf frischer Tat. Und du brauchst mir das Handy auch gar nicht abnehmen!" ruft er und macht ein paar Schritte rückwärts. "Ich habe das Bild schon längst versendet, es ist weg!" Toni reagiert schnell und stellt sich zwischen die beiden. Jeremy atmet schwer und ist hochrot. Toni starrt ihn an. Wahrscheinlich klatscht er Finn gleich ein paar. Wenn es nur dabei bleibt... "Benny hat recht: Es wird nichts kaputt gemacht oder gestohlen. Wenn du dich nicht an unsere Regeln hältst, bist du raus." sagt er und versucht ganz ruhig zu bleiben. Zum Glück steht Benny nicht mehr wie festgefroren da, sondern kommt langsam rüber. Auch Finn nähert sich. Jeremy starrt die drei abwechselnd an. Er kocht vor Wut. Am liebsten würde er zulangen. Und zwar kräftig. Aber sie haben eines begriffen: Wenn sie mit Jeremy zurechtkommen wollen, dann müssen sie zusammenhalten. Drei gegen einen. Jeremy unterdrückt seine Wut. Später wird sich schon was ergeben.

 

"Ausserdem habe ich den Schlüssel." sagt Benny und zieht das Bund hervor. "Also. Gehen wir rein?"

 

 Drinnen stinkt es. Nach faulendem Abfall und irgendetwas Widerlichem. Exkremente? Benny versorgt das Schlüsselbund sorgfältig. Dann leuchtet er umher. Die Regale sind leer. Auf dem Boden liegt eine Menge Zeug. Das meiste ist feucht und schimmelt. Anscheinend hausen hier Ratten, denn sie haben ihre Hinterlassenschaften überall verteilt. Und nicht nur das, irgendwie müssen sie einen Müllcontainer geplündert haben, denn der Dreck liegt auch überall. Er leuchtet mit der Taschenlampe die Decke ab. Dort hat sich ein               grosser feuchter Fleck gebildet. Das ganze Dach hängt leicht durch. "Wir müssen aufpassen, die Decke ist nicht mehr in Schuss." sagt Benny und zeigt nach oben.

 

Finn legt den Kopf in den Nacken. "Oh Mann, hoffentlich kommt die nicht runter und erschlägt uns. Zwischen dem ganzen Scheiss hier will ich nicht begraben sein." Er geht an einer Regalreihe lang. "Die Kärtchen mit den Preisen stecken da immer noch drin!" lacht er und zieht eines heraus. Es ist feucht und ganz mürbe, wie ein alter Keks. Angewidert lässt er es fallen. "Dass die Bude überhaupt noch steht. Das ist doch alles Schrott."

 

"Hier kann man wirklich nicht viel anfangen." sagt Toni und klingt enttäuscht. Er hatte gehofft, dass sie vielleicht einen Ort zum Feiern gefunden hätten, die Möglichkeit, einmal eine richtig grosse Party zu schmeissen. Aber das hier ist nicht nur eklig, es ist auch gefährlich. Die Vorstellung in dem ganzen Dreck unter der feuchten Decke eingeklemmt zu werden und nicht mehr herauszukommen, lässt ihn frösteln. Wieso musste Finno auch damit ankommen. Lust auf eine Party hat er nicht mehr. Er würde lieber wieder an die frische Luft. Ganz beklemmend ist es und erst der Gestank hier drin. Ob die Ratten wohl noch hier sind? Unter seinen Füssen knirscht es. Er leuchtet nach unten. Da liegen kleine Knochen. Blank und weiss. Ein Tier, getötet, hierhergeschleppt und bis auf die Knochen abgenagt. Er hat sie mit seinem Absatz zerbrochen. Ihm wird übel.

 

Aber die anderen zeigen kein Interesse daran, zu gehen. Jeremy ist hinter die Theke verschwunden. Er fördert gerade ein grosses altes Buch zu Tage. Laut klatscht es, als er den dicken Band auf den Tresen knallt. "Ein Kassenbuch." sagt er und schlägt die modernden Seiten auf. Aber lesen kann man darin nichts mehr. Die welligen Seiten lösen sich fast auf. Die Schrift ist verwaschen. Dann holt er noch eine kleine Metalldose hervor. "Jackpot!" ruft er und klappt den Deckel auf. "Eine Geldkassette?" ruft Finn und trabt herüber. Jeremy schiebt sie mit einer wütenden Gebärde von sich. "Leer." Finn wirft trotzdem einen Blick hinein. Aber das alte Ding hat nicht mal mehr einen Schlüssel, geschweige denn ein funktionierendes Schloss.

 

Benny hat die beiden beobachtet und dreht sich nun um. Neben ihm ist eine lange Reihe von Zeitungsständern an der Wand unter dem Fenster montiert. Leer. Er folgt ihr nach hinten. Dort steht ein alter Spielautomat. Ein einarmiger Bandit. Benny versucht, den Arm herunterzudrücken, aber der klemmt. Er senkt sich nur ein Stück und es klingt, als kratzt Metall auf Metall. In der Geldausgabe ist auch nichts. Die verloschene Anzeige verrät ihm, dass man zum Spielen eine Deutsche Mark braucht. "Hat mal wer `ne Mark?" ruft er und dreht sich grinsend um. "Echt jetzt?" meint Jeremy. "Der Kasten läuft mit D-Mark?" Er sieht enttäuscht aus. "Die nimmt doch keiner mehr. Oh man, was ein Scheiss."

 

Toni geht zu Benny rüber und beleuchtet den alten Banditen. "Kann man mit dem noch zocken, was meinst du?" Benny schüttelt den Kopf. "Der Hebel klemmt. Und ohne Strom... keine Chance." Vom Banditen lösen sich bereits die Klebefolien, die ihm einmal ein hölzernes Aussehen verliehen haben. Darunter rostet Metall. "Wahrscheinlich kippt das Ding um, wenn du zu doll dran ziehst." meint Benny und wandert weiter. In der Rückwand gibt es eine Tür aus altem, weichen Sperrholz, hinter der sich eine ziemlich schmutzige alte Toilette befindet. Der Toilettensitz fehlt. Der Gestank ist dafür umso schlimmer. Schnell macht Benny einen Schritt zurück.

 

Finn streckt seinen Kopf gerade durch die zweite Tür. Auf ihr klebt ein kleines Schild "Privat". Dahinter war wohl einmal das Kassenbüro. Aber irgendwann ist die Decke durchgebrochen und hat das ganze Büro unter sich begraben. Mondlicht scheint durch das Loch in der Decke und erhellt das ganze Ausmass der Zerstörung. "Na toll, hier ist echt alles Schrott. Aber total." meint Finn und zeigt den anderen das Büro. Toni sagt: "Besser wir gehen, bevor der Rest der Decke auch noch runterkracht." Jeremy sieht ziemlich genervt aus.

 

Benny ist enttäuscht. Er hatte so gehofft, dass er seine Freunde einen abenteuerreichen Ausflug bieten könnte, stattdessen stehen sie auf einer komplett kaputten Müllhalde. Und dafür haben sie doch tatsächlich einen Schlüssel gebraucht? Wozu noch abschliessen, wenn es nicht mal mehr was zu sehen gibt? Er geht weiter und kommt zur Theke. Dahinter liegt auch nur jede Menge Dreck. Leere Pappschachteln von Schokoriegeln und Snackverpackungen bedecken den Boden. Man läuft darauf wie über einen nassen, weichen Teppich. Es macht ein leises schmatzendes Geräusch, wenn er drauftritt. Das ist so richtig eklig. Die Regalfächer sind alle leer bis auf eine zentimeterdicke Staubschicht. In der anderen Ecke des kleinen Ladengebäudes findet er im Lichtkegel der Taschenlampe dann doch noch ein volles Regal. Eine Plastikfolie liegt darüber. Benny lupft sie vorsichtig an. Es riecht echt grässlich. Ein Haufen billiger Plüschtiere hockt darunter. Die Art von Kuscheltieren, die man auf Jahrmärkten gewinnen kann. "Schaut mal her. Wollt ihr euch nicht ein Souvenir mitnehmen?" Er packt einen der Bären und hebt ihn hoch.

 

Plötzlich ertönt ein lautes Fauchen. Die Kuscheltiere bewegen sich! Benny schreit. Die Jungs sind vor Schreck erstarrt. Der ganze Haufen gerät in Bewegung. Die Plastikplane rutscht zu Boden. Dann erklingt ein lautes Zischen und etwas springt auf Benny zu. "HILFE!" kreischt er und stolpert nach hinten. Er spürt etwas zwischen seinen Beinen hindurchflitzen und verliert das Gleichgewicht. Mit einem dumpfen Schlag landet er auf dem Hinterteil. Toni schreit ebenfalls los. Die Plüschtiere fallen nicht zu Boden, sie springen davon. Die leblosen Bären scheinen mit einmal lebendig geworden zu sein! "Scheisse!" hören sie Jeremy fluchen, dann kracht es.  Irgendwo hinten ist ein Regal umgefallen. Etwas Grosses mit roten glühenden Augen landet direkt auf Bennys Bauch. Wild schlägt er um sich und trifft das Ding mit der Taschenlampe. Es quiekt und verschwindet im Dunkeln.

 

 

"Jungs, Jungs!" ruft Finn und lacht. "Das sind bloss Ratten, beruhigt euch." Er kann sich kaum halten. Das blöde Gesicht von Benny, als die Ratte auf seinem Bauch sass und ihn angefaucht hat. "Sie sind weg, Jungs. Alles cool." Er macht ein paar Fotos von dem Kuscheltierhaufen. Da drin haben sich die Ratten ein richtiges Nest gebaut. Mit der Füllung aus den Kuscheltieren und allerlei anderem Unrat. "Wow, das stinkt echt widerlich. Dass du das angepackt hast, Benny. Echt nicht." Finn macht ein paar Schritte zurück.

 

Hinter ihm raschelt es wieder. Benny steht auf. Ihm tut sein Hintern weh. Ausserdem ist es ihm richtig peinlich, dass er sich so angestellt hat. "Blöde Nager!" flucht er und      tappst zum Ausgang. Er hat genug. Toni folgt ihm, sichtlich erleichtert. "Alles klar, Benny?" "Ich brauch frische Luft." Jeremy überholt die beiden und feixt. "Dem Dicken geht`s gut, nicht war Dicker? Der ist schön weich gelandet."

 

Draussen atmet Benny erst einmal tief durch. Der Schreck sitzt tief. Er reibt sich den Hintern. Die Jeans ist nass. Na toll, jetzt hat er den ganzen Dreck an der Hose. Was für ein Abend. Sein Körper schwitzt, als wäre er gerade einen Marathon gelaufen, dabei ist ihm saukalt. Er sieht sich um. Die Taschenlampe hat er fallen gelassen - naja, die ist sicher hin. Was soll`s! Die kann bleiben, wo sie ist. Nochmal geht er da sicherlich nicht rein. Finn macht noch ein Foto vom Tankstellenhäuschen. Er hat sich immer noch nicht ganz eingekriegt und kichert vor sich hin. Wenn es nach Benny geht, kann der auch bleiben, wo er ist. Dann bemerkt er, dass auch das Schlüsselbund fehlt.

 

Benny flucht. So ein verdammter Scheiss! Jetzt muss er doch noch mal da reingehen. Ohne die Schlüssel kann er nicht fahren! Er muss alles wieder zurück in das Büro seines Onkels bringen, bevor der überhaupt merkt, dass Benny die Kiste genommen hat. Stöhnend dreht er sich zur Tür um. "Ich habe die Schlüssel da drin fallen gelassen." sagt er und sieht Toni an. "Kann ich mal deine Taschenlampe haben? Ich muss noch mal rein und sie holen." Toni gibt sie ihm wortlos. Finn schnauft abschätzig. "Bäh, nochmal in den Müllhaufen. Na viel Spass. Hoffentlich sind sie nicht ins Rattennest gefallen."

 

 

Jetzt steht er wieder drin. Nur wenige Minuten, nachdem er sich selbst gesagt hatte, dass er nie wieder hier rein will. Egal, er sollte sich einfach beeilen. Benny geht vor bis zur Theke und leuchtet den Boden ab. Da liegen die Teddybären jetzt wieder ruhig und friedlich auf einem Haufen am Boden, als hätten sie ihm nichts getan. Aber er erinnert sich an den Schreck. An die Panik und das schmerzhafte Gefühl, als er gestürzt ist. Benny dreht sich weg und leuchtet den dreckigen Fussboden ab. Hier sind ihm die Schlüssel sicher herausgefallen. Beim Sturz. Er macht ein paar Schritte in Richtung Tür. Wo sind die nur?

 

 Finn spielt mit seinem Handy herum. Was macht der Kerl so lang da drin? "Hey Benny, wo bleibst du? Mach mal hin." Er dreht sich zu Toni um. "Sollen wir ihm suchen helfen?" fragt er. Toni schüttelt den Kopf. "Der kommt doch gleich. Kein Grund da noch mal reinzugehen." "Drecksloch!" pflichtet ihm Finn bei und hält mit der Kamera auf die Ladenfront. "Er braucht bestimmt nur ein bisschen mehr Licht." kichert er und drückt auf den Auslöser. "Ja, als ob ihm das bisschen Licht hilft, du Vogel." grinst Toni. Er versucht zu verstecken, dass er da nicht mehr reingehen will. Dieser Laden macht ihm Angst. War überhaupt eine blöde Idee. Er sieht sich um. "Du sag mal, wo ist der Jeremy jetzt eigentlich hin?" Toni ist sich sicher, ihn eben noch gesehen zu haben.

 

Finn scrollt durch seine Fotos. "Der wird schon irgendwo sein." murmelt er und betrachtet das letzte Bild. Der Blitz wurde von den dreckigen Scheiben teilweise reflektiert. Man sieht fast nichts. Das Bild ist so gut wie Schrott. Benny kann man gar nicht richtig erkennen, man sieht nur einen dicklichen Umriss vorn bei der Tür. Er zoomt ein bisschen näher. Ja, das ist der Benny. Man sieht die Taschenlampe und den Strahl Richtung Boden. Hinter Bennys hellem blonden Kopf ist noch ein Umriss. "Du, Jeremy ist drin bei Benny." sagt Finn und hält Toni den Bildschirm hin. Der kneift die Augen zusammen. "Da erkennt man doch gar nichts." sagt er. Finn dreht den Bildschirm ein bisschen. "Doch, da. Der dicke Kerl vorn mit der Taschenlampe. Und dahinter steht Jeremy."

 

"Wo steh ich?"

 

 

Benny sucht jetzt wieder im hinteren Teil. Er hat es eben blitzen sehen. Finn spielt draussen bestimmt wieder mit der Kamera seines Handys herum. Der Finno... Er seufzt. Wahrscheinlich muss er doch nochmal bis zu den Kuscheltieren gehen. Na toll. Rattennester durchwühlen! Es schüttelt ihn bei dem Gedanken. Er will hier nur noch raus. Aber was hilft es. Zögerlich geht er weiter. An der Theke entlang fällt ihm dann doch etwas auf. Da liegt seine Taschenlampe. Er bückt sich und greift danach. Scheint noch in Ordnung zu sein. Na wenigstens etwas. Er schüttelt sie ein bisschen. Das Lämpchen geht wieder an. Jetzt hat er etwas mehr Licht. Er sucht den Boden noch einmal ganz genau ab. Und dann sieht er es unter dem Regal. Ein verhaltenes Glitzern.

 

Benny bückt sich vorsichtig und leuchtet unter das Regal. Da liegen die Schlüssel im Staub. Sie haben das Licht von der Taschenlampe reflektiert. Er leuchtet gründlich alles ab. Keine Ratten da. Irgendwie fühlt er sich trotzdem beobachtet. Er geht in die Hocke und versucht, unter das Regal zu greifen. Mist. War ja klar, so kommt er nicht ran. Aber die Hose ist eh dreckig. Angeekelt kniet er sich hin und rutscht noch ein Stück vor. Es ist zum Glück hoch genug. Er muss nicht mit dem Gesicht auf dem Boden liegen um die Schlüssel zu sehen. Er umschliesst sie fest mit der Hand, da fällt sein Blick auf ein paar Schuhe. Steht da jemand im Gang nebenan?

 

"Bist du nicht mehr bei Benny?" fragt Finn und dreht sich zu Jeremy um. "Nee, ich war mal eben austreten." sagt er und zeigt auf die Büsche. Finn fragt: "Aber wie bist du so schnell dahin gekommen, ohne dass wir dich gesehen haben?!" Jeremy ist sichtlich genervt. "Ich bin vor euch rausgegangen." "Kann nicht sein!" meint Finn und zeigt ihm das Bild. "Das habe ich ja eben erst gemacht. Und da stehst du hinter Benny." Jeremy wirft einen Blick auf das Bild, zoomt es schnell näher heran und gibt Finn das Handy dann zurück. "Junge, ich bin aber nicht sehr viel grösser als unser Dicker. Und der Typ auf dem Foto ist einen ganzen Kopf grösser. Das muss der Toni sein." "Aber der ist doch bei mir gewesen, als ich das Bild gemacht hab!"

 

Doch, das sind Stiefel. "Hey, nett dass du mir helfen willst, aber ich habe die Schlüssel schon gefunden." meint Benny und steht mühsam wieder auf. Er hat sich beim Sturz doch ein bisschen was verletzt. Schmerz schiesst ihm durch das rechte Bein. "Wir können verschwinden." Er sieht sich um. Da steht niemand hinter dem Regal. Komisch, eben hat er doch die Stiefel von ... er sieht sich noch einmal genauer um. Niemand da. Aber er hat Stiefel gesehen! Wer auch immer gerade hinter dem Regal stand, muss noch im Laden sein. Benny beschleicht ein ganz komisches Gefühl. Das hat er noch nie gehabt. Die Härchen in seinem Nacken haben sich komplett aufgestellt. Mit dem einen Schlag setzt sein Herz fast aus, dann rast es doppelt so schnell wie vorher. Als ob ihn etwas beobachtet. Er atmet tief ein und aus. Einer von den Jungs will ihn ärgern! Das ist alles. "Sehr witzig!" sagt er laut und dreht sich um. Er ist allein. 

 

Ok, vielleicht stehen da einfach nur Stiefel. Hier liegt so viel Dreck herum...soll er nochmal nachsehen? Er bückt sich noch einmal und schaut unter dem Regal nach. Ja, ein Paar Stiefel, ein bisschen dreckig und schon recht ausgelatscht. Benny richtet sich wieder auf. Da steht einfach nur ein leeres Paar Stiefel. Ihm ist mit einmal nach Lachen zu Mute. Der Müll hat ihm einen Schrecken eingejagt. Zum zweiten Mal. Nichts wie weg hier! Er geht Richtung Ausgang und umrundet dabei das Regal. Wie um sich selbst zu überzeugen, dass alles gut ist, wirft er noch einen Blick zurück. Der Gang hinter dem Regal ist leer. Der Fussboden auch. Keine Stiefel da.

 

 

Benny stürmt auf die anderen zu. Die starren alle auf das Handydisplay. "Ich habe die Schlüssel, nichts wie weg." ruft er und bleibt keuchend stehen. Ob er den anderen erzählen soll, wie komisch das gerade gewesen ist? Lieber nicht. Die glauben ihm das eh nicht. Er glaubt sich ja selbst nicht. Die Stiefel! Er wirft einen schnellen Blick nach unten. Alle tragen Turnschuhe. Das war es, was ihn so in Angst versetzt hat, eben beim Anblick der Schuhe da drin. Von den Jungs hat keiner Stiefel an. Bestimmt hat er sich geirrt. Seine Phantasie hat ihm einen bösen Streich gespielt. Toni starrt ihn an. "Du Benny, ist da noch jemand bei dir im Laden gewesen?" 

 

 

 

«Also gehen wir weiter?» fragt Jeremy die Anderen.

 

 

Und? Sollen sie weitergehen? Oder lieber nach Hause fahren?  

 

Was meinst du?

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