Lesetipps und Kurzgeschichten

Als Vielleser müssen auch Bücher auf meiner Webseite ihren Platz haben. Hier gibt Buchtipps und Kurzgeschichten für Leseratten und Bücherwürmer. Ich stelle aber wirklich nur Bücher vor, die ich selbst gerade gelesen habe und ich lese eigentlich frei Schnauze und nicht in der Reihenfolge der aktuellen Bestsellerlisten. Also gibt es wenig Neuerscheinungen, dafür mal die eine oder andere Überraschung zu entdecken. Viel Spass beim Stöbern!


Toter Nikolaus

Die Adventsgeschichte 2018

In  24 Tagen habe ich jeden Abend einen Teil meiner Kurzgeschichte "Toter Nikolaus" für euch hochladen. Ihr könnt sie in Teilen lesen oder  am Stück und natürlich kommentieren. Ich hoffe ihr habt viel Freude an meinem kleinen Adventskalenderprojekt! Viel Spass beim Lesen! Los geht's am 1. Dezember!

 

01. Dezember

 

 

White Christmas lief mal wieder im Radio. Der meistgespielte Song zur Weihnachtszeit. Irgendwie war das noch gar nicht zu ihm durchgedrungen. Lienhardt blinzelte und versuchte, den Kaffee nicht zu verschütten, als der Streifenwagen sich etwas zu schnell in die Kurve legte. Der junge Streifenpolizist hatte ein ziemliches Tempo drauf, und das bei dem Mistwetter.

 

An einer Ampel wagte er es dann, vorsichtig an seinem Pappbecher zu schlürfen. Er musste gleich hellwach sein. Was auch immer auf ihn wartete. Ein völlig verregneter erster Dezember, den ganzen Tag dunkel und bewölkt, als würde noch ein Sturm aufziehen. «Soll ich das Blaulicht einschalten?» fragte der junge Beamte übereifrig. «Nein.» entgegnete Lienhardt und nahm schnell noch einen Schluck Kaffee. Sie fuhren weiter.

 

Blaulicht, dabei war sein Kollege am Telefon eindeutig gewesen. Ein Todesfall, der Arzt war nur pro forma anwesend, Spusi und Leichenwagen längst unterwegs. Also war derjenige schon länger tot, übersetzte Lienhardt für sich. Wahrscheinlich warteten sie nur darauf, dass er vorbeikam, die Sache in Augenschein nahm und dann räumten sie auf. Lienhardt machte sich gern einen eigenen Eindruck von der Sachlage. Fotos nutzen ihm da nichts. Auch wenn er eigentlich nicht mehr vor Ort sein musste. Er könnte es sich bei dem Sauwetter auch hinter dem Schreibtisch bequem machen.

 

Nachtschicht. Und das im Dezember. Niemand war sonderlich erpicht darauf, hier draussen im Regen zu stehen und alles wollte wieder ins Warme. Geredet wurde sonst auch nicht viel, aber heute waren alle seltsam still. Lienhardt ging an den Kollegen vorbei, die an der Hofeinfahrt Wache hielten, hob die Hand zum Gruss, als er an den Männern mit der Bahre vorbeikam, die im Torbogen geschützt vor dem Regen eine rauchten und bückte sich unter dem Absperrband hindurch, das schlapp im Regen hing wie nasse Wäsche.

 

Vier Häuser, allesamt drei Stockwerke hoch mit spitzen Dächern, umstanden den gepflasterten Innenhof. Noch brannte kaum Licht in den Fenstern, die Wohnungen wirkten verwaist und die Leere war selbst hier, wo die Beamten und Mitarbeiter in kleinen Grüppchen arbeiteten, fast greifbar. Dieser Ort ist einsam, dachte Lienhardt und fragte sich, ob sie überhaupt Zeugen finden würden.

 

«Niemand hat was gesehen.» begrüsste ihn darum auch sein Kollege Dietmar. «Aber es ist auch kaum jemand zu Hause. Unglaublich, bei dem Wetter…» er liess den Satz unbeendet und zeigte auf einen kleinen Garten, den jemand hier den Backsteinen zum Trotz angelegt hatte. «Dort drüben.» Er konnte kaum etwas sehen. War das ein Spielplatz? Weit reichte der Lichtkegel der zwei Laternen nicht, die an den Hauswänden hingen und gegen die Dunkelheit kämpften.

 

Lienhardt ging über ein kurzes Rasenstück, betrat einen schmalen Kiesweg und knirschte weiter bis zu einer flachen Hecke. Eine kleine Bank und ein Sandkasten, mit einer grünen Plane abgedeckt, schmückten das Gärtchen ebenso wie eine Rabatte aus Rosensträuchern, zurückgestutzt und mit Sackleinen verkleidet. Dahinter stand ein Gartenhäuschen, eines von denen, die man im Baumarkt bekommt. Jemand hatte es grün gestrichen und Gardinen in die Fenster gehängt. Allerdings war dies schon Jahre her, die Farbe bröckelte, die Gardinen waren vergilbt.

 

«Er liegt da drüben.» meinte Dietmar. «Sieht aus, als wäre er friedlich eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht.» Lienhardt folgte dem Weg und stand nach wenigen Schritten in der Tür des Häuschens. Gartengeräte in der einen Ecke, ein Eimer für Grünschnitt in der anderen. Kleine Schaufeln und Harken an Nägeln in der Wand. Eine erloschene Kerze auf dem Fensterbrett. Und ein Schlafsack auf dem Boden, der mit Zeitungen ausgelegt war. In dem Schlafsack sass der dunkle Umriss eines Mannes, an die Rückwand des Häuschens gelehnt. Dietmar leuchtete mit einer starken Lampe hinein. Lienhardt zuckte zurück. Vor ihm auf dem Boden sass der Weihnachtsmann. Und er war eindeutig mausetot.  

02. Dezember

 

 

  «Wenn das kein böses Omen ist, weiss ich auch nicht.» meinte Dietmar und stellte den Kaffeebecher ab. Er warf einen Blick auf die Uhr. Lienhardt seufzte kaum hörbar. Dietmar war ein guter Kollege, hatte einen wachen Verstand und war sich nicht zu schade für Laufarbeit. Aber in der Nachtschicht war er fehl am Platz. Schlecht gelaunt sah er dauernd  auf die Uhr und fragte sich, wann er nach Hause konnte. Tagsüber tat er das nicht.

 

«Böse Omen gibt es nicht.» sagte Lienhardt und lehnte sich im Bürostuhl zurück. Die Uhr über der Tür zeigte kurz nach Mitternacht. Dietmar würde noch ein wenig warten müssen, bis es in den Feierabend ging. «Weihnachten fällt nicht gleich aus, nur weil wir einen toten Mann in einem Weihnachtsmannkostüm gefunden haben.»

 

Sabina kam zur Tür herein. «Ich habe gerade den vorläufigen Bericht zu den Sachen des Mannes erhalten.» Lienhardt nickte und sie zählte auf. «Ein Rucksack und ein Schlafsack, billige Qualität, schon länger im Gebrauch aber relativ sauber. Ein Stapel Kleidung in einer Plastiktüte, hauptsächlich warme Sachen, abgetragen und allesamt ohne Etiketten. Anscheinend wurden sie sauber mit einer Schere herausgetrennt. Stiefel in Grösse 46 mit abgelaufenen Sohlen. In dem Rucksack waren noch eine alte leere Thermoskanne, eine Flasche Korn mit abgerissenem Etikett, ein Taschenmesser, eine Schere und eine Rolle Schnur, Paketband, eine fast leere Tube Kleber, ein Nageletui ebenfalls gebraucht, ein Kamm und ein Stück Seife in einem Waschlappen, eine Reisezahnbürste in einem kleinen Plastikbecher, ein bisschen Bargeld in einem Paar eingerollter Socken. Eine Geldbörse aus Leder, ebenfalls viel gebraucht, kaum Bargeld, ein Schlüssel, ein Ausweis. Der Name auf dem Ausweis lautet Nikolaus Berger.» Sie verstummte und liess den Block sinken, von dem sie abgelesen hatte.

 

 

 

«Der Tote hiess Nikolaus? Das passt viel zu gut. Neee, das gefällt mir nicht.» sagte Dietmar. Lienhardt atmete tief ein und aus. «Seht zu, dass das nicht an die Presse kommt. Ich fände es pietätlos, wenn sie das ausschlachten. Ist die Identität denn schon bestätigt?» Sabina schüttelte den Kopf. «Noch nicht eindeutig. Aber der Tote ähnelt dem Foto auf dem Ausweis. Das Problem ist, dass es sich wahrscheinlich um eine Person ohne Wohnsitz handelt.»

 

Dietmar stöhnte. «Dann kriegen wir vielleicht keine Zahnunterlagen. Fingerabdrücke?»

 

«Werden noch abgeglichen.» Sabina machte ein zuversichtliches Gesicht.

 

«Gut! Dann bleib dran und halte uns auf dem Laufenden. Schon was zur Todesursache?» Die junge Kollegin schüttelte nur den Kopf. «Es hat sich auch sonst noch nichts weiter ergeben.»

 

Lienhardt dachte kurz nach. «Sabina, wir brauchen ein Foto des Toten, vielleicht erkennt ihn ja jemand, wenn Zähne und Fingerabdrücke nichts bringen. Mir scheinen das auch ein bisschen wenig Habseligkeiten zu sein, selbst für jemanden ohne Wohnsitz. Dietmar, nimm dir mal den Schlüssel vor und schau nach, ob der nicht zu einem Schliessfach oder so passen könnte. Die haben doch Seriennummern.»

 

«Vielleicht ist es auch ein Lagerraum!» warf Sabina ein.

 

«Gute Idee! Dem können wir erst einmal nachgehen.»

 

03. Dezember

 

 

«Das ist also das Lager des Toten.» Lienhardt sah sich in einer der schäbigen Baracken um, die der Besitzer des Grundstückes optimistisch als Lagerhallen bezeichnete. Dietmar nickte müde. «Ich habe die ganze Nacht gesucht und heute Morgen Überstunden gemacht, aber ich habe sie gefunden.» Er zückte einen Notizblock und schlug eine Seite auf. «Das Lager wurde von einem Nikolaus Berger vor drei Jahren angemietet und seitdem wird monatlich bar bezahlt. Wohnen ist hier nicht gestattet. Wobei ich glaube, der Vermieter nimmt es nicht so genau.»

 

Lienhardt betrachtete den fadenscheinigen Teppich, der auf dem Boden ausgerollt lag. Bestimmt war er mal sein Geld Wert gewesen. Jetzt hatten ihn Mäuse und Motten zernagt. An der gegenüberliegenden Wand stand ein Schrank, die Türen hingen offen in den Angeln, Pappschachteln und Kisten reihten sich ordentlich in den Regalen im Inneren. «Was ist da drin?» Er zeigte auf die Ordner in einer der Kiste.

 

«Papiere. Familienfotos. Auf den ersten Blick nichts Wichtiges, aber das können ja vielleicht ein paar Kollegen auf der Wache durchsehen.» Dietmar trat von einem Bein aufs andere. Hier war es kalt und zugig. Draussen prasselte neuer Regen auf die Dächer. Hier drin klang es wie Stammestrommeln. Licht hatte es auch keines, sie behalfen sich mit einer tragbaren Campinglampe, die Dietmar vom Grundstücksbesitzer geliehen hatte.

 

In einer Ecke stand eine alte Truhe, sie sah fast antik aus. Lienhardt stiess den Deckel auf und entdeckte etwas, das aussah wie alte Betttücher. Oben drauf lag ein Teddybär mit nur einem Ohr. Lienhardt hob ihn kurz an und legte ihn dann wieder zurück. Hinter der Truhe fand er eine alte Wandkarte aus dem 19. Jahrhundert, ein zusammengerolltes Poster irgendeiner Rockband und eine gerahmte Landschaftsmalerei. 

 

«Inzwischen ist die Identifizierung auch bestätigt worden.» sagte Lienhardt, als er sich wiederaufrichtete. «Es handelt sich bei dem Toten um Nikolaus Berger. Die Fingerabdrücke hat Sabina im Computer gefunden. Er ist mal vor zwei Jahren wegen Hausfriedensbruch verhaftet worden. Wir können dann also die nächsten Angehörigen verständigen lassen. Falls er welche hat.»

 

Dietmar, der wieder in den Fotos im Schrank wühlte, zog ein grösseres Bild in einem billigen Rahmen aus dem Haufen heraus. «Sieht aus, als hätte er eine Ehefrau.» Er hielt Lienhardt das Bild hin. «Oder zumindest hatte er mal eine. Hängt wohl immer noch an ihr, wenn er die ganzen Fotos nicht weggeschmissen hat.»

 

Lienhardt betrachtete nachdenklich den Aufkleber auf einem alten Besteckkasten. Er klappte den Deckel hoch. Darin lagen silberne Löffel, angelaufen und glanzlos. «Er wurde anscheinend gepfändet.» teilte er Dietmar mit. «Der Gerichtsvollzieher war da. Das sollten wir auch mal überprüfen. Vielleicht ist da noch etwas offen. Oder es gibt Hinweise auf ein paar üblere Schuldeneintreiber als den Staat.»

 

«Denkst du an Spielschulden?» Dietmar nahm einen Karton aus dem Schrank. «War es denn überhaupt Fremdverschulden?» Er liess den Karton auf den Boden plumpsen. «Das hier könnte interessant sein. Sieht nach Bankunterlagen aus.»

 

Lienhardt nickte. «Mitnehmen. Und nein, die Ergebnisse sind noch nicht da. Es geht ungewöhnlich lang diesmal! Ich habe jetzt schon dreimal angerufen und werde immer vertröstet. Aber ich habe für morgen Abend einen Termin mit dem Gerichtsmediziner.»

 

04. Dezember

 

 

«Guten Abend!» Der Arzt schüttelte Lienhardt die Hand und bat ihn dann, ihm zu folgen. «Schön, dass Sie auch so spät noch vorbeischauen konnten.» meinte er und hielt eine Schwingtür auf. Lienhardt ging hindurch. «Ich habe im Moment die Nachtschicht.» sagte er nur und gemeinsam eilten sie den leeren Gang hinunter.

 

«Es gab ein paar Probleme mit der Bestimmung der Todesursache.» sagte der Gerichtsmediziner und blieb vor einer weiteren Tür stehen. «Ich habe eine Weile gebraucht, um das Rätsel zu lösen. Es ist tatsächlich nicht ganz einfach. Am Anfang habe ich auf Herzversagen getippt, aber die ungewöhnlich roten Lippen fand ich merkwürdig.» Er stiess die Tür auf und liess Lienhardt in einen fensterlosen gefliesten Raum eintreten, an dessen Wand sich metallene Bahren aneinanderreihten. Was sich unter den Tüchern auf den Bahren befand, beschloss Lienhardt zu ignorieren.

 

«Kalt hier drin, nicht wahr?» Der Arzt sah auf ein Klemmbrett am Kopf der ersten Bahre und ging weiter zur nächsten. «Hier!» rief er mit dem Klemmbrett wedelnd und bückte sich. Er zog eine Plastiktüte hervor und legte sie auf dem Leintuch ab, das Klemmbrett daneben. Lienhardt erkannte in dem durchsichtigen Plastik das rote Weihnachtsmannkostüm und trat näher. «Also ich habe eine Vergiftung vermutet.» sagte der Arzt rundheraus. «Aber ich konnte mit den üblichen Verfahren nichts finden.» Er blätterte in den Unterlagen bis zu einer bestimmten Seite. «Die Werte gaben mir zwar recht, aber was genau den Mann vergiftet hat, konnte ich nicht feststellen.» Er zeigte Lienhardt eine Tabelle, mit der dieser nicht viel anfangen konnte und blätterte dann weiter. «Der Mageninhalt. Hauptsächlich Alkohol.»

 

«Wir haben eine Flasche Korn bei dem Toten gefunden.» antwortete Lienhardt. «Dann sollten sie den Inhalt ins Labor schicken. Ich vermute, das Gift wurde oral verabreicht.» meinte der Arzt und klappte sein Klemmbrett zu. «Es handelt sich um Taxin B.»

 

«Taxin was?» Lienhardt lehnte sich vor. Der Arzt zog aus dem Plastikbeutel einen kleineren Beutel aus säurefreiem Papier hervor. «Taxin B.» wiederholte er. «Das findet man in Eibennadeln.» Er schüttelte einen Zweig mit grünen Nadeln aus der Papiertüte. «Das hier war in der Hosentasche des Toten. Nur so bin ich überhaupt draufgekommen. Ich hätte nicht danach gesucht, aber ich hatte so ein Bauchgefühl.»

 

Lienhardt hob den Zweig auf und betrachtete ihn kritisch. «Der Tote hat Eibennadeln gegessen und sich damit vergiftet?» hakte er nach. So ganz verstand er das noch nicht.

 

«Nein.» sagte der Arzt und öffnete wieder sein Klemmbrett. «Die Nadeln oder besser gesagt Spuren davon haben wir im Magen nicht gefunden. Nur das Taxin B – also den Wirkstoff. Er kann sich damit schon selbst vergiftet haben. Aber irgendwie muss er es ja hergestellt haben und dann hätte man wahrscheinlich mehr Spuren des Giftes in seiner Umgebung gefunden. Oder an der Kleidung und den Händen. Da war aber nichts.»

 

Lienhardt hörte sich noch ein paar weitere Fakten an, aber seine Gedanken kreisten um die seltsame Vergiftung und den gefundenen Eibenzweig. Das war doch merkwürdig.

 

05. Dezember

 

 

«Eibe.» wiederholte Dietmar. «Also Tannennadeln?» Er kratzte sich die Glatze. «Aber das ist doch echt selten, oder nicht?»

 

«Statistisch gesehen sterben an Vergiftungen durch Beeren und so gerade einmal zwei Leute im Jahr.» gab Lienhardt weiter, was er im Internet dazu ausgegraben hatte. «Also ja, ist selten. Und in unserem Fall müssen wir davon ausgehen, dass er sich nicht selbst vergiftet hat. » Er schlug eine Akte auf und zog das Papier näher zu sich heran. «Sabina hat vom Labor bestätigt bekommen, dass die Giftmenge im Korn ausgereicht hätte, um mehrere Menschen zu töten.»

 

«Und wer will einen armen Obdachlosen töten, der kaum jemanden etwas getan hat?» Dietmar lehnte sich in seinem Bürostuhl zurück und drehte sich hin und her. «Also ich sehe nach den ganzen Befragungen kein Motiv für Giftmord. Totschlag im Affekt, ja. Einigen Hausbewohnern hat es gar nicht gefallen, dass Nikolaus Berger ab und an in dem Schuppen übernachtet hat. Aber da ruft man doch eine Streife und greift nicht in den Giftschrank.»

 

«Apropos in den Giftschrank greifen, das Gift kriegt man nicht einfach so. Ist ja kein Rattengift oder ein überdosiertes Medikament. Wieso ausgerechnet Eibe?»

 

Sabina, die bisher wortlos der Diskussion gelauscht hatte, stiess sich vom Tisch ab und ging zum Fenster hinüber. «Was mich gedanklich umtreibt ist der Zweig in der Hosentasche.» sagte sie und starrte in die Dunkelheit hinaus. «Ich weiss nicht, ich finde das gruselig. Sonst haben wir doch nichts gefunden, was mit dem Gift in Verbindung steht. Nur den Korn und den Zweig.»

 

«Was sagen denn die Hausbesitzer dazu?» fragte Lienhardt und Sabina drehte sich vom Fenster weg. «Also ich habe mit den beiden gesprochen, ist ein nettes älteres Ehepaar, das auch in dem Haus wohnt. Im Erdgeschoss. Und sie haben dem Nikolaus Berger erlaubt, hin und wieder in der Laube zu schlafen. Er hat anscheinend seine Sachen dort untergestellt, wenn er in der Innenstadt einen Job als Weihnachtsmann hatte und nicht alles mitnehmen wollte. Sie sagten, er hätte immer alles ordentlich hinterlassen. Hin und wieder haben sie ihm was zugesteckt. Also ich glaube, die haben nichts damit zu tun.» 

 

«Die müssen wir trotzdem überprüfen. Was sagen die Angehörigen?»

 

Dietmar richtete sich auf. «Die haben Nikolaus Berger angeblich schon lange nicht mehr gesehen. Und die Exfrau ist ins Ausland ausgewandert. Lebt jetzt in Spanien. Ich versuche, sie zu erreichen, aber bisher ging niemand ans Telefon.»

 

Lienhardt seufzte. «Ist ja großartig. Trotzdem gründlich überprüfen. Vielleicht ist sie ja zufällig gerade zu Besuch in Deutschland. Und sehr viele andere Spuren haben wir ja nicht. Gut.» Er stand auf und schlug die Hände zusammen. «Ich glaube, dann haben wir leider schon alles für heute besprochen.»

 

«Zumindest gibt es ein ruhiges Wochenende.» brummte Dietmar.

 

06. Dezember

 

 

Lienhardt lehnte sich im Sessel zurück, nahm einen Schluck Whiskey und stellte die Lautstärke ein wenig höher. Samstagabend, Ruhe und Frieden. Der Whiskey rollte samtig über seine Zunge. Was gab es schöneres als einen gemütlichen Abend daheim? Er hatte die Füsse auf den kleinen Hocker gelegt und wackelte mit den Zehen. Ein Loch im Strumpf erregte seine Aufmerksamkeit. Wurde Zeit, dass er mal wieder den Kleiderschrank durchging.

 

In Gedanken war er so sehr in das Musikstück vertieft, dass er das Klingeln des Telefons erst beim zweiten Mal wahrnahm. Er stöhnte, brachte sich mühsam in eine aufrechte Position und stellte den Whiskey auf dem Couchtisch ab. Wer konnte das sein? Seine Tochter verbrachte ein Semester im Ausland und meldete sich in der Regel am Vormittag, seine Exfrau hatte ihn schon lange nicht mehr angerufen und Bereitschaft hatte er keine. Die Liste von Freunden war kurz.

 

«Lienhardt?» dröhnte er in den Hörer. Dann lauschte er plötzlich gebannt, völlig konzentriert. «Ich bin in einer halben Stunde da.» antwortete er und notierte sich die Adresse. Dann legte er auf und rief umgehend Dietmar an. «Grüss dich, Dietmar! Ja, ich weiss, wie spät es ist. Es gibt Neuigkeiten!»

 

Lienhardt stellte die Musikanlage ab und lief ins Badezimmer. «Eben hat mich der Kollege informiert, dass es heute Abend einen weiteren Leichenfund gegeben hat. Jetzt darfst du dreimal raten, um wen es sich bei dem Toten handelt!» Er griff sich das Mundwasser und nahm einen kräftigen Schluck, spülte kräftig und spuckte aus. Das musste genügen. Zum Glück hatte er nur ein Glas getrunken.

 

«Genau der!» bellte er ins Telefon. « Du musst mich abholen! Ich will mir das genauer ansehen. Das kann doch kein Zufall sein!» Er hastete hinüber ins Schlafzimmer und zog einen warmen Wollpullover aus dem Schrank. Er setzte sich aufs Bett, gab Dietmar die Adresse durch und streifte seine löchrigen Socken ab. «Ich gebe Sabina Bescheid! Sie soll auch hinkommen. Sechs Augen sehen mehr als vier. Ach ja, und Dietmar? Kein Wort über böse Omen. Auch wenn das jetzt schon der zweite tote Weihnachtsmann ist.»

07. Dezember

 

 

Kurz nach Mitternacht. Lienhardt beugte sich vor und starrte durch die geöffnete Wagentür ins Innere. «Kein schöner Anblick, was?» meinte der Beamte von der Spurensicherung und stülpte eine Plastiktüte über die rechte Hand des Toten. Lienhardt nickte nur und versuchte, alles möglichst schnell zu erfassen.

 

Der Mann sass mittig auf der Rückbank, eine Flasche Korn im Schoss. Er trug ein rotes Weihnachtsmannkostüm, die Hose mit dem Gummizug war unordentlich über das Hemd gezogen, die Jacke war schief geknöpft und stand teilweise offen. Die Mütze lag hinter ihm auf der Kofferraumabdeckung, weil sein Kopf weit nach hinten geneigt war. Den Bart hatte jemand weggenommen. Vielleicht war er den Sanitätern im Weg gewesen. «Hat er einen Bart getragen?» fragte Lienhardt und der Beamte nickte. «Schon eingetütet. Der Arzt hat ihn abgenommen, als er den Tod festgestellt hat.»

 

Lienhardt streckte sich zu voller Länge und trottete im Nieselregen zu seinen beiden Kollegen zurück. «Also?» fragte er. Dietmar und Sabina wechselten einen Blick, Sabina begann: «Die Kollegen wurden von einer Anwohnerin verständigt. Sie hat das Auto gesehen und den Mann auf dem Rücksitz angesprochen, aber er hat nicht reagiert. Statt etwas anzufassen hat sie gleich die Polizei gerufen. Sie fand das laut eigenen Angaben viel zu gruselig und hat dann lieber drüben an der Strasse gewartet. Wie sich herausstellte, war der Mann bereits tot, als die Streifenbeamten eintrafen.»

 

Dietmar schloss sich an: «Also der Notarzt hat nur noch den Tod feststellen können. Er hat dem Toten den falschen Bart abgenommen und einem Polizisten gegeben. Er hat dann die Vitalzeichen geprüft. Nach seiner Aussage ist der Mann wohl schon länger tot, denn er ist bereits kalt gewesen, als er den Puls fühlen wollte. Alles Weitere hat sich für ihn dann erübrigt. Allerdings ist er der festen Überzeugung, dass der Mann erwürgt worden ist. Und zwar mit dem Seil, das um seinen Hals geschlungen war, als man ihn fand. Das Seil gehört zu seinem Geschenkebeutel und wurde bereits als Beweisstück erfasst.»

 

Lienhardt nickte nur. Er hatte die blauen Verfärbungen und die geschwollenen Lippen auch bemerkt, ebenso die Abdrücke des Seils auf der Haut am Hals. «Wir warten trotzdem auf die Ergebnisse der Obduktion.» beschied er. «Keine voreiligen Schlüsse jetzt. Und kein Wort zur Presse! Wenn es nach uns geht, dann ist das reiner Zufall, bis wir den Beweis für das Gegenteil haben!»

08. Dezember

 

 

 Das Wochenende war damit gelaufen. Er hatte die anderen beiden zwar nach Hause verabschiedet, aber Lienhardt selbst sass an diesem Sonntag am Schreibtisch im Büro und wartete auf den Anruf aus der Gerichtsmedizin. Derweil betrachtete er die Fotos der beiden Opfer, die in gebührendem Abstand zueinander an der grauen Pinnwand hingen und rekapitulierte, was er bereits wusste.

 

Viel war das ja nicht. Das erste Opfer schien ein harmloser Obdachloser gewesen zu sein, der sich nur ein paar kleinere Verfehlungen hatte zu Schulden kommen lassen. Und das zweite Opfer war noch nicht einmal eindeutig identifiziert. Er wollte nicht spekulieren, ob da eventuell ein Zusammenhang bestand. Trotzdem drängten ihm sich die Zusammenhänge mehr als deutlich auf. 

 

Zwei Männer, beide am Rand der Gesellschaft. Zweimal dasselbe Kostüm. Beide in kleineren Innenräumen gefunden, beide sitzend. Er betrachtete die Unterschiede. Die verschiedenen Todesumstände und Waffen. Das unterschiedliche Alter der Beiden. Nein, es war Zufall. Oder doch nicht?

 

Das Telefon klingelte und erlöste ihn aus diesem Gedankenrundlauf. Er nahm ab.

 

«Guten Tag, hier Dr. Mertens. Spreche ich mit Herrn Lienhardt?»

 

«Guten Abend, Herr Doktor. Wir sind uns doch schon am Donnerstag gesprochen, oder irre ich mich? Ich dachte, ich hätte Ihre Stimme wiedererkannt.»

 

«Richtig, das war ich! Dann haben Sie zwei Todesfälle in einer Woche? Das ist hart!»

 

Lienhardt machte ein zustimmendes Geräusch und bat um den Bericht zu der gestern aufgefundenen Leiche. Er bekam die Antwort prompt. Nach einer ausführlichen Beschreibung, die für sein Empfinden etwas zu detailliert war, kam der Arzt dann zum Wesentlichen. «Also, wir haben den Toten damit eindeutig identifiziert. 1,80 m gross, schlank, dunkles kurzes Haar, Dreitagebart, grüne Augen, die Beschreibung passt zur Akte. Die Zahnunterlagen bestätigen ebenfalls, dass es sich um den Vermissten Kevin Kramer handelt, ein Student der Betriebswirtschaft. Herr Kramer hatte anscheinend ein Drogenproblem. In der Akte steht etwas von einem Betreuer… und er hatte Einstichstellen an beiden Armen, alte wie neue. Die Zähne waren in dementsprechend schlechtem Zustand, aber Herr Kramer ist noch regelmässig zum Zahnarzt gegangen und wir haben recht neue Röntgenbilder. Schon komisch, schiesst sich regelmässig so ab und sorgt sich gleichzeitig so um seine Gesundheit. Nun ja.»

 

Der Arzt räusperte sich. «Also, die Todesursache war tatsächlich Erdrosseln. Dem Mann wurde mit dem Seil, das sichergestellt worden ist, der Hals zugeschnürt und das solange, bis der Tod eintrat. Wir haben Hautschuppen auf dem Seil gefunden und es passt genau zu den Abschürfungen und den übrigen Halsverletzungen. Soll ich noch mehr ins Detail gehen?»

09. Dezember

 

 

Montag. Aber sie waren immer noch der Nachtschicht zugeteilt. Dietmar hatte bereits zweimal auf die Uhr gesehen und sich beklagt, dass man ja so spät am Abend niemanden mehr erreiche. Lienhardt nickte nur und verwies auf die Kollegen. Er fühlte sich von den Ereignissen überrollt. Zwei tote Männer und keine Ansätze.

 

Sabina kam ins Büro und wedelte mit einem dünnen Papierordner. «Wir haben die Aussagen von Kevin Kramers Mutter und von seiner Exfreundin. Die Mutter hat sein Drogenproblem bestätigt und uns erzählt, dass Kevin sich in der Adventszeit mit dem Weihnachtsmannkostüm Geld dazuverdient hat. Er war bei einer Agentur angestellt. An dem Tag, an dem er ermordet wurde, hatte er eigentlich einen Auftrag. Aber er tauchte dort nicht auf. Man hat sich bei seiner Agentur beschwert und es wurde ein Eintrag gemacht. Ich bekomme die Kopien zugeschickt. Dann können wir mit dem unzufriedenen Kunden reden.»

 

«Sehr gut!» sagte Dietmar und sah wieder auf die Uhr. «Endlich kommt ein bisschen Bewegung rein. Unzufriedene Kunden sind doch schon einmal ein Ansatz, dem man nachgehen kann.» Er wickelte einen Schokoriegel aus und biss hinein. Mit vollem Mund bot er Sabina auch einen Riegel an. Sie griff gerade zu, als Lienhardt fragte: «Und die Exfreundin?»

 

«Das ist wirklich ein Ansatz!» meinte Sabina. «Sie hat den Kollegen erzählt, dass Kevin Probleme mit seinem Drogendealer hatte. Anscheinend hat er Schulden angesammelt und konnte diese nicht bezahlen. Es war auch von einem Ultimatum die Rede.» Sie gestikulierte mit dem Schokoriegel herum. «Schulden sind doch wenigstens mal ein handfestes Motiv! Ich habe eine Mail an die Kollegen vom Rauschgiftdezernat geschickt, vielleicht kennen sie ja den Dealer. Dann könnten wir ihn zum Verhör bestellen.»

 

«Sehr gute Arbeit, Sabina!» lobte Lienhardt und kam sich wie ein Grundschullehrer vor. Alt und zauselig. «Ich habe überprüft, ob die beiden Opfer sich vielleicht gekannt haben. Das ist nicht der Fall. Aber wir sind dieser Möglichkeit nachgegangen. Jetzt heisst es Arbeitsteilung. Sabina kann mit dem Fall von Kevin Kramer weitermachen. Und Dietmar kümmert sich ja immer noch darum, die Angerhörigen von Nikolaus Berger zu finden. Ich möchte, dass wir uns in diesem Fall nach neuen Motiven umsehen. Hatte Nikolaus Berger vielleicht Streit mit jemandem? Oder hatte er in der Szene Ärger bekommen? Vielleicht haben ja die Verbindungsbeamten und die Sozialarbeiter etwas gehört.»

 

«Dann behandeln wir die Fälle getrennt?» Sabina sah ein bisschen enttäuscht aus.

 

Lienhardt sah wieder auf die graue Pinnwand. «Vorerst ja. Wir müssen gründlich sein. Und wenn wir wirklich alles ausgeschlossen haben, dann können wir uns wieder möglichen Gemeinsamkeiten zuwenden.»

10. Dezember

 

 

«Immer noch nichts!» brummte Dietmar und knallte den Hörer auf die Gabel. «Das kann doch nicht wahr sein! Kann ein Mensch so wenig Angehörige haben? Niemand fühlt sich verantwortlich!» Lienhardts Kollege schnaufte einmal tief durch. Lienhardt sagte nichts. Er wusste, Dietmar wollte jetzt nichts hören. Er brauchte erst einen Moment, um wieder mit sich ins Reine zu kommen. Manchmal war der Job frustrierend.

 

In diesem Moment kam Sabina aufgeregt herein. «Sie haben den Dealer! Er sitzt in U-Haft und plaudert aus dem Nähkästchen!» rief sie aufgeregt. «Ich habe gerade einen Anruf von den Kollegen aus der anderen Abteilung bekommen! Wir sollen mal vorbeischauen und uns den Vogel ansehen.»

 

Lienhardt stand auf und griff nach seiner Jacke. «Den Vogel?»

 

«Naja, das hat der Kollege so gesagt.» meinte Sabina unschuldig. «Ich gebe nur ganz genau das Gespräch wieder.»

 

«Alles klar.» grunzte Dietmar und hob wieder den Telefonhörer ab. «Ich bleib hier und arbeite am Fall Berger. So schnell gebe ich nicht auf. Irgendwer wird ja wohl an seinem Verbleib interessiert sein.» Er drückte eine Telefonnummer in die Tastatur und winkte seinen Kollegen zum Abschied zu. «Haltet mich auf dem Laufenden!»

 

Lienhardt zog die Tür hinter sich zu. «Sabina, kannst du fahren?» Die junge Kollegin hatte bereits den Aufzugknopf gedrückt. «Ich möchte die Akte des Dealers durchgehen, bevor wir in der anderen Abteilung ankommen. Es gibt bestimmt einiges Interessantes zu lesen.»

 

«Klar. Ich hab die Akte schon gelesen!» sagte Sabina und stieg in den Aufzug. «Jetzt kommt endlich Schwung in den Fall! Ich hoffe, wir können wenigstens die Akte Kramer heute abschliessen. Dann bleibt mehr Energie für den armen Obdachlosen.» Sie presste den Daumen auf den Knopf für das Erdgeschoss. «Wie soll es da eigentlich weiter gehen?»

 

«Wir werden uns wohl mehr im Milieu umsehen müssen. Ich habe gestern noch mit einem bekannten Sozialarbeiter telefoniert. Er nimmt Dietmar oder mich morgen mit, dann können wir Fotos von Nikolaus Berger herumzeigen. Ich habe auch einen Kollegen von der Tagschicht auf die Geschäfte in der Innenstadt angesetzt, ob Berger dort gearbeitet hat. Dietmar kann die nicht alle allein abklappern. Aber ob das was bringt ist ungewiss. Wir müssen morgen mal besprechen, wie weit wir gekommen sind.» Er machte eine kurze Pause, als sie in den Dienstwagen stiegen. «Wenn der Fall Kramer jetzt zum Abschluss kommt, was ich sehr hoffe, dann gehst du morgen mit und hörst dich um. Manchmal reden die Obdachlosen lieber mit einer Frau als mit einem alten Knochen, dem man den Polizisten schon von weitem ansieht.»  

11. Dezember

 

 

In den frühen Morgenstunden hatten die Kollegen den Drogendealer endlich soweit, über Kevin Kramer zu reden. Sabina und Lienhardt standen still hinter der verspiegelten Scheibe und lauschten angespannt. Sabina hatte sich vorgebeugt und fixierte den jungen Mann mit dem Oberlippenbärtchen und den vielen Ohrsteckern, als könnte sie ihm so ein Geständnis herauskitzeln.

 

«Ja, vielleicht kenne ich Kevin.» hatte der Mann gerade zugegeben. Jetzt war er wieder in sich gekehrt und verschlossen.

 

«Woher kennen Sie Herrn Kramer?» fragte der verhörende Beamte und tippte mit dem Finger auf das Foto eines lebendigen fröhlichen Kevin Kramers. Die Mutter hatte es Lienhardt gegeben.

 

«Aus dem Club.»

 

«Was soll das heissen? Welcher Club? Arbeitet er dort? Arbeiten Sie dort? Haben Sie gemeinsame Freunde? Was heisst aus dem Club?»

 

«Naja, wir haben uns im Club halt getroffen und so.» Der Dealer warf einen nervösen Blick auf das Foto. «Ich mein, Kevin ist ein lustiger Kerl, ehrlich, immer auf Party und so. Er studiert irgendwas, glaub ich. Ist immer knapp bei Kasse.»

 

«Hat er Schulden bei Ihnen?»

 

«Vielleicht.»

 

«Vielleicht, vielleicht!» Der Beamte lehnte sich vor und presste beide Handflächen auf den Tisch. «Ich kriege immer nur vielleicht zu hören, aber keine Fakten. Ich will jetzt von Ihnen wissen, was mit Kevin Kramer los ist! Hat er Schulden bei Ihnen und wenn ja, wie viel Geld schuldet er Ihnen? Hat er noch bei jemand anderem Schulden? Reden Sie!»

 

«Der Kevin ist doch keine grosse Nummer. Was wollen Sie denn von dem?»

 

Schweigen auf beiden Seiten folgte. Schliesslich knickte der Dealer ein, er hatte die ganze Zeit schon nervös an seinem Ohrring gespielt. Jetzt liess er die Hand sinken und seufzte. «Also gut, ich hab dem vielleicht mal ein bisschen was verkauft.»

 

Der Beamte wartete geduldig.

 

«Kevin ist ein Loser. Er hat nie viel Geld. Alle wissen, dass er knapp bei Kasse ist. Deswegen leiht ihm ja auch keiner mehr was. Nur noch gegen Bares. Wenn überhaupt.» Der Mann machte ein schnaubendes abfälliges Geräusch.

 

«Der hat es gerade nötig!» zischte Sabina und verschränkte die Arme vor der Brust.

 

«Also, ich habe dem Kevin ein bisschen was verkauft, dann hat er sich ein bisschen was geliehen. Nicht viel. Nicht der Rede wert, Mann. Er konnte den Stoff nicht bezahlen, aber er braucht natürlich immer wieder was. Kevin hat alle schon angehauen, verstehen Sie? Er hat keinen mehr, der ihm noch was gibt, also kommt er wieder zu mir. Fleht mich an, ihm was zu geben. Aber ich habe gesagt, Kevin, erst die Kohle. Wenn du deine Schulden bezahlst, kriegst du wieder was. Vorher läuft nichts.»

 

«War dies das Ultimatum, dass Sie Kevin gestellt haben?»

 

Der Mann machte eine selbstsichere Miene. «Ja, genau. Wenn er seine Schulden bei mir nicht zahlt, dann sorg ich dafür, dass er bei keinem mehr was bekommt. Am nächsten Abend kam er mit der Kohle an. Hat er wohl seiner Alten aus den Rippen geleiert.»

 

 

12. Dezember

 

 

«Also war der Dealer auch nichts.» Dietmar fädelte den unauffälligen PKW auf den Linksabbiegerstreifen ein.

 

«Er sprach so, als würde Kevin Kramer noch leben. Durchweg.» sagte Lienhardt und lehnte sich zurück. Vor Ihnen lagen ein paar unangenehm kalte Stunden in den dunklen Strassen jenseits des Bahnhofs. Er warf einen Blick auf die kleine Thermoskanne mit Kaffee. Das würde nicht reichen, um sie warm zu halten. Es war dunkel, kalt und feucht da draussen.

 

«Ja, er war sehr überzeugend. Also, ich meine, er wirkte ehrlich.» korrigierte sich Sabina und beugte sich von der Rückbank nach vorn. «Ausserdem hat mir die Mutter bestätigt, dass ihr neulich Geld aus dem Portemonnaie fehlte, nachdem Kevin zu Besuch war. Genau den Betrag, den der Dealer genannt hat. Ich würde sagen, er scheidet aus?»

 

Lienhardt nickte nur. Er war sich sowieso sicher gewesen, dass diese Spur eine Sackgasse war. Wie hatte der Mann gestern im Verhör gesagt? Kevin war nur eine kleine Nummer. Man hatte es schon dem Wagen angesehen, indem er aufgefunden worden war. Auch das Kostüm war schäbig. Und obwohl Kevin auf sein Äusseres Wert gelegt hatte, konnte er die Spuren des Drogenkonsums nicht verbergen. Armer Junge, dachte Lienhardt und warf einen Blick auf die funkelnden Lichter der Stadt, die unterhalb der Brücke an ihnen vorüberglitten.

 

«Soll ich den Wagen an der Eckkneipe abstellen?» fragte Dietmar und riss Lienhardt aus seiner Melancholie. «Ich meine, dann können wir in drei Richtungen ausschwärmen und haben einen warmen Ort zum Warten, wenn sich die anderen verspäten.»

 

«Machen wir so.» brummte Lienhardt und gab Sabina die Thermoskanne. «Halten Sie ihr Funkgerät bereit und passen Sie genau auf, wo Sie sich befinden. Alle Viertelstunde ein Funkspruchsignal. Wenn wir bei dem Schietwetter überhaupt jemanden auftreiben, der mit uns reden will.»

 

13. Dezember

 

 

«Und?»

 

«Nichts.» Dietmar schloss das Auto auf und sie liessen sich beide in die Vordersitze plumpsen. «Keiner wollte mit mir reden. Also, von denjenigen, die ich überhaupt aufgetrieben habe. Sie haben sich, wen wunderts, alle irgendwo verkrochen.»

 

«Ging mir genauso.» Lienhardt rieb die kalten Hände aneinander. Der Kaffee war leer, die letzten zwei Stunden waren vergeudete Zeit gewesen und er war durchgefroren mit den Anzeichen einer nahenden Erkältung.

 

«Sabina?»

 

«Kommt. Hat sich wohl noch mal unter der Bahnhofbrücke umgesehen. Aber auch da niente.» Dietmar schnaufte und drehte sich nach hinten. «Ist noch Kaffee da?»

 

«Nichts. Und die Kneipe hat auch zu.» nahm Lienhardt Dietmars nächste Frage vorweg. Er konnte sich die Enttäuschung auf dem runden Gesicht des Kollegen bildlich vorstellen.

 

Das Licht ging an, als Sabina die Hintertür öffnete und sich auf die Rückbank schob. «Gott, ist mir kalt.» sagte sie und zog die Tür hinter sich zu. «Ich hab nichts und ihr?»

 

«Nö.» sagte Dietmar und steckte den Schlüssel ins Schloss. Der Wagen sprang surrend an und die Heizung begann leise zu dröhnen.

 

«Gott sei Dank!» murmelte Sabina und rutschte in die Mitte, um den Strom warmer Luft abzufangen, der aus der Lüftung summte. «Ich bin froh, wenn wir im Revier sind und ich die Heizung anmachen kann. Ist noch Kaffee…» sie wurde vom Klingeln eines Handys unterbrochen.

 

Lienhardt ging ran, sagte zweimal Ja und einmal Mach ich und legte wieder auf. «Wir fahren zur Bahnhofsmission.» wies er Dietmar an.

14. Dezember

 

 

«Nach einer Nacht im Warmen und einer guten Mahlzeit ist einem meist schon viel wohler.» sagte der Sozialarbeiter Fröhlich und zeigte Lienhardt eine offene Tür. «Jetzt, wo er seinen Rausch ausgeschlafen hat, wird er bestimmt alle Fragen beantworten können. Es war sehr nett von Ihnen, dass Sie heute noch einmal wiedergekommen sind.»

 

«Gestern war Herr Jakobi auch nicht wirklich in der Lage, mit uns zu sprechen.» sagte Lienhardt nüchtern und trat durch die Tür. Dort sass auf einem schmalen roten Sofa ein älterer Mann, der einmal übergewichtig gewesen war und dessen Kleidung jetzt schlackernd an ihm hing. Nichtsdestotrotz war Karl Jakobi immer noch eine imposante Erscheinung. Er stand auf, nervös die Hände knetend. Lienhardt streckte ihm die seine entgegen. «Herr Jakobi! Geht es Ihnen besser?»

 

Sabina wünschte ein «Guten Abend!» und zog sich einen Stuhl näher an das Sofa heran. Lienhardt nahm in dem breiten abgewetzten Ohrensessel Platz. Der Sozialarbeiter liess sich hinter seinen penibel aufgeräumten Schreibtisch nieder. Jakobi sank mit einem leisen Ächzen wieder auf das Sofapolster. «Jo.» brummte er. «Besser.»

 

«Sie haben Informationen über Nikolaus Berger?» fragte Sabina begierig und beugte sich vor. Sie hatte einen Notizblock auf den Knien liegen. Jakobi starrte sie nur an. «Jo.» machte er wieder. Lienhardt gab Sabina ein unauffälliges Zeichen.

 

«Wir wollen nur wissen, ob Sie mit Nikolaus Berger befreundet gewesen sind. Es wäre schön, wenn uns jemand ein bisschen was über ihn erzählen kann.» begann Sabina noch einmal mit einem freundlichen Lächeln. «Wir können seine Exfrau nicht erreichen. Und vielleicht kennen Sie ja noch jemanden, der mit Nikolaus Berger bekannt war.»

 

Jakobi war nicht sehr gesprächig, fasste aber kurz zusammen, was er über Nikolaus Berger wusste. Den Lieblingskiosk, die Orte, an denen er sich Schlafplätze gesucht hatte und was er gemacht hatte, um über die Runden zu kommen. Sabina schrieb alles auf und notierte sich auch ein paar Namen von Freunden, die Jakobi und Berger kannten. «Herr Berger wollte also nicht mit Ihnen in die Unterkunft gehen, obwohl es draussen so kalt war?»

 

«Ne, der war lieber in seim Schuppen.» nuschelte Jakobi und hielt sich dabei die Hand vor den Mund, wahrscheinlich damit Sabina seine schlechten Zähne nicht sah. «Konnte ihn nicht überreden.» bedauerte er.

 

«Das ist nicht Ihre Schuld.»

 

«Er wollte nicht mitgehen, weil es hier ein paar Leute gibt, wo er nicht so mit klarkommt.» sagte Jakobi und warf einen vorsichtigen Blick auf Fröhlich.

 

«Das ist leider manchmal so.» sagte der.

 

«Er hat gesagt, er könnte immer noch zum Rudi, wenn es wirklich kalt wird.» Jakobi zeigte auf Sabinas Notizblock. «Rudi Wässerer- der hat nämlich einen Wohnwagen unten am See. Da hat der Nikolaus öfter mal gepennt, ohne dass Rudi das gewusst hat.»

 

«Dann sprechen wir mal mit Rudi!» Sagte Lienhardt und stand auf. «Besten Dank, Herr Jakobi!»

15. Dezember

 

 

«Schönen Guten Abend, Herr Wässerer!» grüsste Lienhardt und trat sich die Schuhe ab. «Nett, dass Sie Zeit für uns haben!»

 

«Na, sicher!» dröhnte der dicke Mann, der ihnen in Jogginghosen die Tür geöffnet hatte. «Kommen Sie bitte rein!» Er führte sie durch einen kurzen dunklen Flur in ein kleines, einfach eingerichtetes Wohnzimmer. «Lassen Sie die Schuhe an!» sagte er schnaufend. Er liess sich ein einen gemütlich wirkenden Fernsehsessel sinken. Die Luft im Zimmer war abgestanden und verbraucht. Dietmar warf einen Blick zum fest verschlossenen Fenster, an dessen Scheibe der Regen prasselte. «Nehmen Sie Platz!»

 

Lienhardt drapierte seinen Mantel über der Sofalehne und liess sich ohne zu Zögern auf den Cordsamt nieder. Dietmar folgte seinem Beispiel.

 

«Bierchen?» fragte Wässerer und als die beiden ablehnten, zuckte er mit den Schultern und gönnte sich einen langen Zug aus der Flasche. «Der Nikolas ist also tot?» fragte er und sein heiteres Gesicht wurde ernst. «Das ist aber schade!» Er wirkte ehrlich betrübt. «Ich hab ihm immer gesagt, er soll machen, dass er von der Strasse wieder runterkommt. Das schafft man nicht lange, hab ich gehört.»

 

«Herr Berger wurde leider nicht nur tot aufgefunden, er ist auch durch Fremdeinwirkung verstorben.» sagte Dietmar mit entsprechend ernstem Tonfall. Es dauerte einen Moment, bis das zu ihrem Gegenüber durchgedrungen war.

 

«Was?» Er stellte die Flasche mit einigem Schwung auf dem Sofatisch ab und griff dann nach der Schachtel Zigaretten. «Nicht im Ernst! Kommt schon, Leute! Das ist jetzt nicht wahr!» Er sah von einem zum anderen, lehnte sich dann fassungslos zurück und klopfte mit der Schachtel auf der Armlehne ein Stakkato. «Das glaub ich jetzt nicht. Den Nikolaus? Wer hat denn was gegen den?» Mit zitternden Fingern steckte er sich eine Zigarette an. «Nein, das glaub ich nicht! Wisst ihr, wer das war?»

 

Die beiden Beamten verneinten. Während Dietmar ein wenig auf die Einzelheiten einging und dabei Wässerer geschickt ein paar Fragen stellte, beobachtete Lienhardt ganz genau dessen Reaktion. Er wirkte ehrlich geschockt und, jetzt wo es ihm langsam zu dämmern begann, traurig. Dietmar liess sich von Wässerer die Telefonnummer der Exfrau geben, mit der er ebenfalls befreundet war. Er strich sich über den Mund, die Zigarette verglomm derweil zwischen seinen Fingern. «Wann ist denn die Beerdigung?» fragte er schliesslich.

 

«Da hat sich bislang auch noch niemand gemeldet.» meinte Dietmar und schob gleich hinterher: «Dürften wir Sie vielleicht als Ansprechpartner…»

 

Lienhardts Handy klingelte. Er warf einen Blick auf das Display, machte Dietmar ein Zeichen und ging hinaus in den Flur.

 

«Naja, wenn er niemand andern hat. Sicherlich. Ich werd mal mit den Kumpels reden, wir werden wohl zusammenlegen.» brummte Wässerer und drückte die Zigarette langsam aus. «So ein Dreck.» fluchte er und sah Dietmar an. «Ich will wissen, wer das war! Rufen Sie mich bei Gelegenheit an!» forderte er und schüttelte den Kopf.

 

«Und Sie können sich nicht vorstellen, wer dem Herrn Berger…?»

 

«Nein! Völlig unbegreiflich! Er hat eine Weile hier bei mir gewohnt, auf dem Sofa, wo er keine Wohnung mehr hatte. Aber lange ging das nicht, auch wegen der Gisela und dem Alkohol… verstehen Sie, meine Frau wollte irgendwann nicht mehr.» Wässerer seufzte. «Nun ja, er war ein prima Kerl. Aber er lag auch jeden Abend besoffen in der Ecke. Das kann man seiner Frau nicht zumuten.» Er wirkte beschämt, als reute es ihn jetzt, den Freund vor die Tür gesetzt zu haben. «Ich hab ihm dann den Schlüssel zum Wohnwagen gegeben. Aber die Gisela weiss davon nichts. Und der Nikolaus hat ihn immer aufgeräumt, den Wohnwagen. Den Schlüssel haben Sie wohl nicht bei ihm gefunden?»

 

Dietmar versprach Wässerer danach zu sehen. Lienhardt kam wieder ins Wohnzimmer. Sein Blick war todernst. «Wir müssen sofort los, Dietmar!»

16. Dezember

 

 

«Das ist die dritte Leiche in zwei Wochen!» brauste Lienhardt auf und warf den Kugelschreiber auf den Schreibtisch. «Das kann doch jetzt nicht so weitergehen?»

 

Sie sassen im Büro nach einem langen Einsatz im Bahnhofsviertel. Es war fast vier Uhr nachmittags. Nach dem Ende der Schicht waren alle drei noch länger geblieben. Jetzt sassen sie mit grauen Gesichtern da und starrten in die Kaffeetassen.

 

«Ist das eine Serie?» fragte Sabina und rührte in ihrem Becher.

 

«Schon. Da müssen wir das doch eigentlich melden und aus der Hand geben.» brummelte Dietmar und warf einen Blick auf Lienhardt.

 

«Ach was Serie.» sagte der und besah sich die drei Fotos von den drei Toten an der Pinnwand. «Wir sind nicht in Amerika.»

 

«Zufall ist das aber auch nicht mehr!» wagte Sabina einzuwenden. «Zwei sind Zufall und Drei…» sie sprach den Gedanken nicht zu Ende aus.

 

Alle drei betrachteten schweigend die Pinnwand. Bislang war noch kein Motiv aufgetaucht, das Sinn ergeben hätte. Auch bei dem dritten Toten nicht.

 

«Müssen wir jetzt wirklich abwarten, was als nächstes passiert?» fragte Dietmar ungehalten.

 

«Nein. Wir gehen jetzt nach Hause. Ausruhen. Und wenn wir den Dienst wieder antreten, fällt uns vielleicht etwas auf, was wir jetzt nicht sehen können, weil wir zu müde sind.» Lienhardt stand auf und nahm seine Jacke. «Versucht, an etwas anderes zu denken. Für heute haben wir alles getan, was wir tun konnten.»

17. Dezember

 

 

Lienhardt hatte die Kollegen zwar nach Hause geschickt, selbst war er aber am nächsten Tag wieder mehr als zwei Stunden zu früh im Büro. Er wollte die Zeit allein nutzen, um sich ungestört der Pinnwand zu widmen.

 

Im Geiste ging er noch mal an alle drei Tatorte zurück, um sich alles in Erinnerung zu rufen. Bei Berger und Kramer nahm er sich dazu auch die Autopsieberichte vor, der des dritten Toten, Janick Potolovski, war noch nicht abgeschlossen. Er versuchte sich vorzustellen, wie er die Taten begangen hätte. Was wäre nötig gewesen? Und wieso genau auf diese Art und Weise und nicht anders?

 

Berger war an dem Gift verstorben. Der Fundort und der Tatort waren vielleicht nicht identisch. Sie wussten nicht, wo Berger die Flasche bekommen hatte. Vielleicht hatte er sich damit in die Gartenlaube zurückgezogen oder der Mörder hatte sie ihm gebracht. Lienhardt ging das in Gedanken durch. Er fand es eher unwahrscheinlich, dass der Mörder das Risiko einging und im Hinterhof gesehen wurde, wie er Berger die Flasche gab. Dazu war der Plan zu durchdacht.

 

Kevin Kramer war erwürgt worden. Und zwar mit dem Seil des Geschenkebeutels, der zu seinem Weihnachtsmannkostüm gehörte. Also hatte der Mörder die Tatwaffe nicht mitgebracht. Er hatte genommen was da war. Das sah doch ganz anders aus als im Fall Berger. Eine spontane Waffe, ein anderer Tathergang – persönlich und direkt. Hatte er Kevin dabei angesehen? Das musste er wohl haben, denn der sass ja auf dem Rücksitz. Ganz schön eng. Und von allen Seiten zu sehen, auch wenn angeblich niemand etwas gesehen hatte.

 

Die beiden passten nicht zusammen. Punkt Schluss.

 

Doch da war jetzt der dritte Tote. Auch er war mit einer Flasche Schnaps gefunden worden und laut Arzt wies er alle äusseren Anzeichen der Vergiftung auf, die auch Nikolaus Berger das Leben gekostet hatte. Er trug Weihnachtsmannjacke und Mütze, den Bart fand man später in seiner Manteltasche. Er sass zwar nicht in einer Laube oder in einem Auto, sondern hinter zwei grossen Müllcontainern auf einem Garagenhof, aber auch dieser Ort war von aussen nicht einzusehen. Ein halbwegs trockener, geschützter Rückzugsort. Ausgestattet mit Pappkartons und einer schmuddeligen Decke.

 

Und dann war da noch der Eibenzweig. Er hing an einem roten kräuseligen Geschenkbändchen am Flaschenhals, als wäre er nur zur Dekoration dort. Aber er war dort. Und wenn die Untersuchungsergebnisse vorlagen, wüssten sie sicher, dass er nicht ohne Grund dort war. Diesen Eibenzweig, den hatte es bei Kevin Kramer nicht gegeben. Warum nicht? Weil dieser Mord nicht vom selben Täter begangen worden war? Oder waren die Informationen des ersten Mordes durchgesickert? Hatte sich jemand bei Potolovski Insiderwissen zunutze gemacht?

 

Als Dietmar das Büro betrat, auch er viel zu früh, stand Lienhardt vor der Pinnwand und starrte auf das Foto von dem Eibenzweig mit dem roten Band. «Ich will alle Zeitungsartikel zu den Fällen haben! Und zwar alle Medien, print und online – einfach alles!»  

18. Dezember

 

 

«Was für eine Zeitverschwendung.» stöhnte Dietmar und warf eine Zeitung zusammengeknüllt in den Papierkorb. «Nur um zu überprüfen, dass die Medien auch ja keinen Wind von den blöden Zweigen gekriegt haben!»

 

Sabina blätterte vor auf Seite drei. «Die Berichterstattung ist völlig überzogen. Total reisserisch.» Sie versenkte sich in dem Artikel. «Nichts über irgendwelche Schnapsflaschen oder Zweige oder dass Berger betrunken war.» brummte sie und klappte die Zeitung zu.

 

«Da werden wir auch nichts finden. Lienhardt glaubt nicht an den Serienmörder, also muss was durchgesickert sein. Ein Trittbrettfahrer! Als ob das wahrscheinlicher wäre!» Dietmar schnaubte und griff sich einen Schokoriegel. «Willst du auch?»

 

«Ich hab Kekse, danke!» sagte Sabina abwesend und legte eine weitere Zeitung ad acta. «Nichts. Aber prüfen müssen wir es. Ein Serienmörder ist zu gruselig. Mir wäre der Trittbrettfahrer lieber.» Sie sah auf und Dietmar zu, wie er den Riegel auswickelte. «Das wäre ein Fall, der uns alle voranbringen könnte. Wenn wir das richtig angehen!» meinte er.

 

«Das wäre ein Fall, der total nach hinten losgehen kann! Der uns alle Nerven und Kraft kostet! Und der nicht zu vergessen darauf aufbaut, dass es noch mehr Tote geben wird! Nein danke!» Sabina zog eine weitere Zeitung heran. «Ein Mörder, ein Opfer, bitte nicht mehr. Und schon gar nicht in Serie.»

 

«Du hast Recht.» sagte Dietmar väterlich. «Aber wenn wir nun einmal einen Serienmörder haben, dann nützt es uns nichts, den Kopf in den Sand zu stecken.

 

«Weisst du, womit ich noch Recht hab? Dass wir das hier auf jeden Fall prüfen müssen. Vor allem wenn du die Serienmördertheorie belegen willst. Dann muss alles hieb und stichfest sein!» Sabina schob sich einen Keks in den Mund und kaute.

 

«Ich denke, ich kann die Diskussion jetzt beenden.» sagte Lienhardt, der plötzlich in der Tür stand, als wäre er schon die ganze Zeit da gewesen. «Wir haben die Bestätigung aus dem Labor. Es ist dasselbe Gift.»

19. Dezember

 

 

«Und dann natürlich eine SOKO. Wir dürfen nichts mehr dem Zufall überlassen, alles wird genauestens überprüft. Die Staatsanwaltschaft wird mit von der Partie sein und wir bekommen sicherlich Expertenunterstützung. Als erstes teile ich Ihrem Team mehr Beamte zu. Dann will ich eine Lagebesprechung! Bringen Sie alle auf den aktuellsten Stand und verteilen Sie die Aufgaben neu. Danach müssen wir sehen, ob wir Sonderermittler brauchen.» Lienhardts Chef wandte sich zum Gehen und drehte sich noch einmal um. «Ich hänge mich jetzt ans Telefon! Sie machen solange weiter.»

 

Sabina seufzte auf, als er weg war. «Liebe Güte! So einen verzwickten Fall und jetzt rühren noch mehr Köche im Brei.»

 

«Darfst du die Leitung behalten?» fragte Dietmar.

 

«Ich weiss nicht. Das werden wir sehen, denke ich.» Lienhardt nahm an seinem Schreibtisch Platz und öffnete den Aktendeckel. «Bisher haben wir unter den gegebenen Umständen gute Arbeit geleistet. Aber es hat noch nicht gereicht. Unterstützung kommt jetzt gerade recht! Ich möchte, dass ihr Ideen sammelt, wie wir die zusätzlichen Beamten am besten einsetzen und welche Massnahmen wir noch ergreifen sollten. Dietmar wird alles zum Fall Nikolaus Berger vortragen und Sabina übernimmt wieder Kevin Kramer. Ich werde Herrn Potolovski vertreten. Bereitet das bitte intensiv vor, lasst nichts aus.»

 

«Ich hab da eine Idee.» sagte Sabina und hob ihren Kugelschreiber auf. «Vielleicht ist die aber auch total blöd.» Sie drehte den Stift in der Hand.

 

«Nun?» brummte Dietmar. «Sach schon!»

 

«Die Obdachlosen sollten von der Flasche wissen. Ich glaube, sie wird ihnen als Geschenk überreicht. Mit dem Zweig und dem hübschen Band dran. Davor sollten wir sie warnen, finde ich. Und wenn sich ihnen jemand mit so einer Flasche nähert, dann denken sie vielleicht dran und rufen uns an.»

 

Die beiden Männer sahen sich an, erwogen das für und wider, dachten nach, bevor sie antworteten.

 

Lienhardt begann: «Das mit dem Zweig und dem Geschenkband darf auf keinen Fall öffentlich bekannt werden.» Er sah Sabina an. «Das ist die Signatur.»

 

Dietmar hob die Hand: «Wenn wir sie alle warnen wollen, keinen Alkohol mehr anzunehmen, dann haben wir viel zu tun. Es klingt auch nicht vielversprechend. Wir reden hier immerhin über jede Menge Alkoholsüchtige. Und wenn dann Hinweise eingehen, müssen wir auch genug Beamte haben, um diesen nachgehen zu können.»

 

Lienhardt nickte. «Wir sollten das nachher in der Besprechung diskutieren. Mal sehen, was die anderen meinen. Das könnte was sein. Oder nach hinten losgehen.»

20. Dezember

 

 

Die ganze Abteilung summte wie ein Bienenstock. Beamte liefen hierhin und dorthin, trugen Akten herum, besprachen sich über leuchtenden Monitoren und tranken Unmengen Kaffee nebenbei. Selten hatte Lienhardt hier so viel Trubel gesehen. Fast schien es, als hätten alle um ihn herum vergessen, dass es nur noch vier Tage bis Weihnachten waren.

 

Vier Tage, dann sollte die besinnliche Zeit beginnen. Aber ihm war nicht nach Festlichkeiten. Seit gut drei Wochen suchte er nun schon einen Täter, mühte sich ab und war ohne Pause unterwegs, ohne das Gefühl zu haben, dass er vorankam – das sprichwörtliche Hamsterrad. So erginge es vielen in der Vorweihnachtszeit, hatte seine Exfrau gestern am Telefon gemeint. Aber sie hatte seit je her wenig Verständnis für seinen Beruf und die Notwendigkeit, auch an Feiertagen zu arbeiten.

 

Und das würde er müssen. Denn wenn es da draussen einen Täter gab, einen Einzelnen, der Männer in Weihnachtsmannkostümen tötete, dann würde es nach Weihnachten schwer werden, ihn noch zu erwischen. Sabina hatte gestern etwas gesagt, dass ihm seither im Kopf herum ging. Die Flasche mit dem Schnaps war als Geschenk getarnt, der Eibenzweig als Dekoration. Ganz schön hinterhältig. Und so wäre der Täter nie vor Ort, wenn sein Opfer starb. Schwer ihn zu erwischen, wenn die einzige Spur eine Flasche ohne jegliche Spuren war.

 

Lienhardt wurde je aus seinen Gedanken gerissen, als Dietmar hereinkam und ihm eine Akte auf den Schreibtisch legte. «Ich habe die Streifenbeamten eben informiert, sie fahren jetzt raus zur Nachtschicht. Die Obdachlosen werden alle überprüft und wer nicht in eine Unterkunft gebracht werden möchte, der muss seinen Namen angeben und dann geben sie uns den Standort durch. Das ist zwar nicht viel, aber vielleicht hilft es.»

 

«Bei dem Wetter wird doch wohl hoffentlich niemand mehr auf der Strasse sein?» fragte Lienhardt mehr sich selbst und sah auf die grossen Regenperlen draussen auf dem Fensterglas. «Klingt gut. Mehr können wir wohl nicht machen?»

 

«Jedenfalls nicht ohne unsere beste Spur aufzugeben.» brummte Dietmar und stützte sich am Schreibtisch ab. «Aber das mit dem Eibenzweig sollte nicht bekannt werden. Wie wollen wir sonst wissen, ob es der Richtige ist, wenn wir ihn endlich festnehmen.»

 

«Falls wir ihn festnehmen.»

 

«Das wird schon so kommen. Ist mein persönliches Weihnachtsgeschenk, das mache ich mir selbst.» Dietmar starrte ebenfalls aus dem Fenster hinaus in die Dunkelheit. «Und das ausgerechnet hier bei uns. An den Feiertagen!»

 

«Hat Sabina sich wieder beruhigt?» Die junge Beamtin war verärgert gewesen, dass ihr Plan bei der Einsatzbesprechung am Vortag so heftig abgelehnt worden war. Sie hatte sich danach sehr lange auf die Damentoilette begeben und Lienhardt hatte bereits angefangen, sich Sorgen zu machen. Er konnte ihren Wunsch, Unschuldige zu beschützen, bestens nachvollziehen. Aber er teilte auch die Sorge der anderen Beamten, dass man damit den einzigen Trumpf aus der Hand gab.

 

Dietmar schüttelte den Kopf. «Nicht wirklich. Sie arbeitet wie besessen und gibt bissige Kommentare von sich. Aber sie fängt sich schon wieder. Ist halt für alle ein schwerer Fall.»

 

 

21. Dezember

 

 

«Leute!» Sabina kam in das Büro gestürmt, den Anorak schief zugeknöpft, die Mütze in der einen Hand und das Handy in der anderen. «Wir müssen los!»

 

Lienhardt schreckte hoch, war er doch in den Autopsiebericht von Janick Potolovski vertieft gewesen und bemüht, die ganzen medizinischen Ausdrücke zu verstehen. Dietmar sah genervt auf und hob beide Hände. «Was ist denn jetzt wieder?» blaffte er nicht gerade freundlich. Alle waren mit den Nerven am Ende, es war weit nach Mitternacht. Bald Zeit, nach Hause zu fahren, um ein paar Stunden zu schlafen, bevor es weiterging.

 

«Nein, im Ernst! Ich hab gerade einen Anruf bekommen!» Sabina japste wie ein Karpfen.

 

«Sag mal, bist du gerannt?» fragte Dietmar.

 

«Die Treppe rauf! Ich habe gerade einen Anruf von einer Krankenschwester aus dem Städtischen Krankenhaus bekommen!» keuchte Sabina, richtete sich auf und zog sich bereits die Mütze über den Kopf. «Der Jakobi ist eben eingeliefert worden, mit Kreislaufversagen. Er hatte über Übelkeit geklagt und klappte dann zusammen, da haben sie die Sanitäter gerufen.» Sie atmete tief durch. «Er hatte noch meine Visitenkarte in der Tasche, deswegen rief die Schwester mich an. Sie sagt, es geht ihm sehr schlecht.»

 

Lienhardt stand auf. «Und die Symptome passen zu der Eibenvergiftung?» hakte er nach und griff nach seiner Jacke.

 

Dietmar beeilte sich, seinen Schreibtisch zu umrunden. «Ach du Scheisse!» rief er und steckte sein Handy in die Hemdtasche. «Das müssen wir unbedingt abklären!»

 

«Sicher, dass er nicht zu viel getrunken hat?» Lienhardt wusste selbst nicht, warum da auf einmal dieser Zweifel war. Wie sehr brauchten sie einen Treffer. Einen Überlebenden! Jemand, der ihnen den Täter beschreiben konnte! Wieso glaubte er nicht wie Sabina, dass es sich um ein weiteres Opfer handelte? Hatte er Angst, dass der Wunsch hier Vater des Gedankens war?

 

«Ich habe gefragt, aber eigentlich nur pro forma!» entgegnete Sabina. «Immerhin ist das Gift ja im Schnaps. Also sollten wir so schnell wie möglich hinfahren und versuchen, mit Jakobi zu sprechen!»

22. Dezember

 

 

«Immer noch nichts.» flüsterte Sabina und sah auf. Ihre Augen hatten dunkle Ringe. «Er ist nicht bei Bewusstsein.»

 

«Sag mal, warst du die ganze Zeit hier?» fragte Dietmar und liess sich neben Sabina in den Besucherstuhl sinken. Er sah genauso müde aus wie sie. Sabina nickte, leerte den weissen Plastikbecher mit dem grauslichen Krankenhauskaffee zur Neige und warf ihn dann in den Papierkorb gegenüber an der Wand. Ihre Kleidung war zerknittert, als hätte sie in dem Stuhl geschlafen.

 

Lienhardt atmete durch. Krankenhäuser hatte er noch nie gemocht. «Wir haben uns die Sachen von Jakobi aushändigen lassen. Es hat eine Weile gedauert, weil wir noch zum Staatsanwalt mussten. Da Herr Jakobi nicht tot ist und es keine Anzeichen für ein Verbrechen gibt, wollten sie uns seine Sachen nicht ohne weiteres geben.» Er war genauso müde und erschöpft, wie Sabina und Dietmar aussahen.

 

«Und?» fragte Sabina und wirkte plötzlich wieder hellwach.

 

«Wir haben die Flasche!» sagte Dietmar und grinste.

 

«Yes!» Sabina ballte beide Hände zu Fäusten und schüttelte sie. «Dann kann Herr Jakobi wegen Vergiftung behandelt werden?»

 

«Ist schon veranlasst.» sagte Dietmar sichtlich stolz.

 

«Hoffen wir, dass er schnell wieder auf den Beinen ist. Und du gehst nach Hause!» wies Lienhardt sie an. «Ich habe einen Beamten herbestellt, der Jakobi bewachen wird. Du brauchst Schlaf. Wir können morgen wieder nach ihm sehen. Hoffen wir, dass er bald aufwacht!»

23. Dezember

 

 

Schlaf hatte den dreien sichtlich gutgetan. Sie waren fast schon vergnügt im Büro erschienen, hatten viel enthusiastischer bei der täglichen Einsatzbesprechung gewirkt und als dann noch der Anruf kam, dass Herr Jakobi endlich aufgewacht sei, hielt Sabina nichts mehr im Bürostuhl. Sie hatten sofort einen Wagen genommen und waren ins Krankenhaus gefahren.

 

Karl Jakobi lag bleich und abgespannt in dem Krankenhausbett, das dank seiner schieren Körpergrösse winzig wirkte. Man hatte ihn rasiert und gekämmt, ausserdem war er völlig nüchtern. Als die Beamten in sein Krankenzimmer traten, setzte er sich mühsam auf und wehrte jede Hilfe ab.

 

«Gut, dass Sie da sind!» keuchte er und zeigte mit dem Finger auf die drei. «Ich möchte aussagen!»

 

«Wir sind so schnell gekommen, wie wir konnten, Herr Jakobi.» sagte Dietmar und zog sich den Besucherstuhl heran. Sabina trat ans Bett. «Wir haben uns Sorgen um Sie gemacht!»

 

«Das war Gift, richtig?» fragte Jakobi und seine Finger zitterten über die Bettdecke. «In der Schnapsflasche?»

 

«Ja, richtig.» bestätigte Lienhardt.

 

«Dieser Mistkerl! Dieser elende Mistkerl!» fluchte Jakobi heftig und Speichel flog von seinen bleichen Lippen. «Ich habes doch gewusst!»

 

«Sie wissen, wer Ihnen die Flasche gegeben hat?» fragte Lienhardt und Sabina und Dietmar tauschten eindringliche Blicke.

 

«Na sicher! Ich hab gesehen, wie er sie Nikolaus gegeben hat! Als Versöhnungsgeschenk, weil doch Weihnachten ist! Und dann war der Nikolaus tot! Da muss man doch blind, blöd und taub sein!» ereiferte sich Jakobi und sank geschwächt in die Kissen. «Da muss man schon schön blöd sein.»

 

Die drei Beamten fragten alle gleichzeitig durcheinander und Lienhardt hob eine Hand. «Der Reihe nach bitte.» sagte er.

 

Jakobi nickte. «Ich hab ja gesagt, der Nikolaus hat sich nicht mit ihm verstanden. Deshalb wollte er auch nicht in der Unterkunft pennen. Das war ihm richtig zuwider, zuwider war ihm das! Ist lieber in den Schuppen gegangen! Aber die Flasche hat er trotzdem angenommen, er ist halt ein Säufer gewesen, ein gottverdammter!» Jakobi schluckte. «Ich hab gleich gedacht, ist doch komisch, dass der sich auf einmal versöhnen will und dem Nikolaus was schenkt. Und dann noch nen Schnaps. Und dann war er tot. Und ich habs geahnt – aber was soll man machen?» Jakobi sah von einem zum anderen. «Man kann auch nicht einfach Leute verdächtigen, bloss weil sie Streit hatten, richtig?» Er blinzelte. «Und dann kam er gestern mit der Flasche an. Hat sie mir geschenkt, mich gedrängt zu trinken. Ich war aber misstrauisch, ich hab nur kleine Schlückchen genommen, nur ganz wenig. Hab mich ordentlich bedankt und bin dann fort. Hab gesagt, ich muss noch was für die Weihnachten besorgen.»

 

«Das war gut so, dass Sie so misstrauisch waren, Herr Jakobi.» sagte Sabina und lächelte. «Sonst wären Sie jetzt nicht mehr hier.»

 

Lienhardt beugte sich gespannt vor. «Wer hat Ihnen die Flasche gegeben, Herr Jakobi?»

 

 

24. Dezember

 

 

«Johannes Fröhlich, der Sozialarbeiter?» Lienhardt nickte bestätigend. Der Staatsanwalt war sichtlich platt. «Der geht einfach herum und verabreicht Obdachlosen Gift?»

 

«Als Weihnachtsgeschenk getarnt.» bestätigte Lienhardt.

 

«Es tut mir leid, ich fasse das nicht.» sagte der Anwalt und rückte seine Brille zurecht. Er hielt den Bericht in der Hand und sah darauf, schüttelte aber gleichzeitig den Kopf. «Ich habe hier zwar die Aussage vorliegen, aber ich glaube das einfach nicht. Wer macht denn sowas?» Er sah Lienhardt fragend, fast verzweifelt an.

 

«Die Motivlage hat uns auch Kopfzerbrechen bereitet, schon am Anfang. Warum?» Lienhardt seufzte. «Ich verstehe es ja irgendwie immer noch nicht. Aber Fröhlich redet wie ein Wasserfall!»

 

«Ja, der Bericht ist sehr umfangreich. Wie fing es an, sagten Sie? Warum hat er Nikolaus Berger vergiftet? Es gab Streit, stand hier.» Der Anwalt blätterte durch den Bericht. «Ja. Streit, weil Nikolaus Berger ihm vorgeworfen hat, das Obdachlosenasyl falsch zu bewirtschaften. Ihm sind wohl Ungereimtheiten aufgefallen.»

 

«Berger hat selbst im Sozialwesen gearbeitet. Er hat sich schon ausgekannt. Bisher gehen wir davon aus, dass die Kritik berechtigt war. Berger hat sich mehr als einmal beschwert über Fröhlich und der wurde abgemahnt. Und wir dürfen nicht vergessen, dass Berger alkoholkrank war. Sicherlich ist er auch mal ausfallend geworden. Hatte sich nicht unter Kontrolle. Berger hat ihn immer wieder masslos geärgert.  Ein lange gehegter, beständig genährter Groll – so beschrieb Fröhlich es. Herr Jakobi hat versucht, uns das mitzuteilen. Aber er konnte nur vage Andeutungen machen, weil Fröhlich es so eingerichtet hat, dass er bei der Befragung dabei sein konnte.»  

 

Lienhardt nahm einen Schluck aus dem Wasserglas, dass die Anwaltsgehilfin ihm freundlicherweise gebracht hatte. Die Besprechung dauerte lange.

 

«Und Kevin Kramer?» Der Anwalt tippte auf das Papier. «Der arme Junge hatte mit so viel zwielichtigem Gesindel Umgang, und dann gerät er ausgerechnet zu Hause an Fröhlich?»

 

«Das konnten wir auch nicht fassen!» Lienhardt strich sich über den stoppeligen Bart. «Fröhlich ist der Freund von Kramers Mutter. Kevin hat ihr kurz vor seinem Tod Geld aus dem Portemonnaie gestohlen, als er zu Besuch bei ihr war. Anscheinend hat er auch Fröhlich bestohlen und der hat es gemerkt. Als er ihn tags darauf konfrontiert hat, setzte Kevin sich gerade auf der Rückbank einen Schuss. Fröhlich wurde wütend und wollte ihn bestrafen, nicht töten – so seine Aussage. Ich bin mir sicher, er rastete aus, und erwürgte Kevin mit dem erstbesten, das er greifen konnte. Anscheinend hatte der Mann alle Hemmungen zu töten längst abgelegt. Und er war wütend auf Kevin.»

 

Der Anwalt beugte sich wieder über den Bericht. «Aber Vorsatz können wir nicht nachweisen. Und Potolovski hat er dann vergiftet, um von sich abzulenken?»

 

Lienhardt nickte. «Oh ja. Es war nur ein Ablenkungsmanöver.» Er lachte bitter. «Hätte er ihn leben lassen, hätten wir nie so intensiv nach einem Zusammenhang gesucht. Aber weil die Presse über die zwei toten Weihnachtsmänner berichtete, als wäre ein Serienmörder am Werk, hat er den Gedanken aufgriffen und wollte uns auf eine falsche Fährte bringen. Genauso mit Jakobi, er wollte einen lästigen Zeugen loswerden und uns in die Irre führen. Er dachte, er schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe. Es war ein Glück, dass Jakobi so vorsichtig war und überlebt hat. Ich bin sicher, Fröhlich hätte weiter gemordet.»

 

«Dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen! Grüssen Sie Herrn Jakobi von mir, wenn Sie ihn besuchen.» sagte der Staatsanwalt und klappte die Akte zu. «Und wünschen Sie ihm fröhliche Weihnachten!» 

Kommentare: 3
  • #3

    Wingo (Donnerstag, 27 Dezember 2018 09:29)

    Der Anfang gefällt mir schon ganz gut (bis zum 8. Dezember). Wird aber noch eine Weile dauern, bis ich fertig bin. Auf jeden Fall danke!

  • #2

    Karin Bersuch (Dienstag, 25 Dezember 2018 15:05)

    Eine sehr schöne Geschichte, ich bin beeindruckt.

  • #1

    Müsi (Samstag, 01 Dezember 2018 20:34)

    Super Anfang, bin gespannt wie es weitergeht. Endlich mal wieder etwas von Orkania.��


Gelesen: J.K. Rowlings Ein plötzlicher Todesfall

 

Wenn man die Harry-Potter-Reihe gelesen hat, dann erstaunt dieses Buch den Leser zunächst einmal mit seiner Schlichtheit. Es spielt voll und ganz in unserer eigenen Welt und beschäftigt sich mit genau den Trivia, die uns selbst immer wieder umtreiben. Da sind keine Hexen und Zauberer, keine parallelen geheimen Gesellschaften  in unserer Mitte, keine phantastischen Tierwesen, die man versucht vor uns zu verstecken. Da sind im Grunde erst einmal nur wir.

 

Wir oder eben die Engländer aus dem hübschen kleinen Städtchen Pagford. Völlig normale Leute und ein bisschen langweilig, weil kleinkariert und angestaubt. Jeder hat seine Geheimnisse und glaubt, er sei der Mittelpunkt des Universums, ist es aber nicht. Dafür liefert der Roman humorvoll den Beweis, indem er alle Personen vorstellt und vorführt. Und erkennt man sich nicht auch selbst darin? 

Die Geschichte hat einen eher kurzen Zeitrahmen, es beginnt mit dem plötzlichen Tod eines Gemeinderatsmitgliedes und endet Wochen später nach der Wahl eines neuen Ratsmitgliedes. Und oberflächlich betrachtet dreht es sich eigentlich nur um diese Wahl und den ausbrechenden Wahlkampf.

So gesehen ist das Buch langweilig. Würde mir jemand sagen, lies das mal, es geht um die Neuwahl eines Gemeinderatsmitglied in einem winzigen Dorf in England, dann würde ich sagen: Schön! Aber sicher nicht in Begeisterungsstürme ausbrechen. Warum ist das Buch hier also bei den Buchtipps?!

Weil man, wenn man die Autorin kennt, weiss, dass es sicherlich alles andere als oberflächlich ist. Der Roman lebt von seinen Figuren und diese Figuren sind ganz klar A-Klasse. Sie sind herrlich ausgefeilt und detailliert, jede Figur hat ihr eigenes Innenleben, Standpunkte und Aspekte. Es ist mehr wie Zauberschach, die Figuren bewegen sich selbstständig über das Spielfeld und interagieren miteinander und man sieht ihnen staunend zu, wie sie gewinnen, verlieren, sich freuen oder andere Figuren zerschlagen. Und alles passt zusammen.

 

Und dann, man merkt gar nicht so genau wie, da ist man schon in der Mitte des Buches und will wissen, wie es weitergeht. Man hat sie irgendwie lieb gewonnen, diese Leute, und fiebert mit ihnen oder hasst sie für das, was sie tun. Man möchte eigentlich hingehen und mitmischen. Da hat einen das Buch in seinen Bann gezogen und das nur mit seinen Figuren.

 

Wie das bei den meisten guten Romanen so ist, fühlt  man kurz vor dem Ende Bedauern. Und ich war sehr enttäuscht, dass ich bald nicht mehr in Pagford sein würde. Doch das Ende kam, dramatisch und mit Schrecken. Unvorhergesehen, aber im Nachhinein sehr passend. Ich will nichts verraten, aber es ist ein gutes Ende. Ich hoffe, dass es den Figuren eine Lehre war! So oft wie ich den einen oder anderen schütteln wollte... Das Ende ist dieses Mal wirklich ein Abschluss. So gesehen konnte ich nicht mehr in Pagford bleiben, denn es ist jetzt ein anderes Dorf. Ich hoffe nur, Sukvinder geht es gut. :) 

 

 

  

Gelesen: Stephen King MR.MERCEDES

 

 

 

Ein Roman von Stephen King und diesmal ist der Bösewicht sehr menschlich! Ich habe mich total gefreut, als ich den Roman in der Bibliothek gefunden hab, weil ich ihn schon länger lesen wollte. Und ich muss sagen, er ist richtig gut geschrieben! Toll aufgebaut, realistische und sympathische Figuren und die Geschichte ist wunderbar kurzweilig. Liest sich auch gut am Stück und dabei ist es kein kurzer Roman, sondern schön dick.

 

Anfangs hatte ich Bedenken, weil man von Anfang an weiss, wer der Täter ist. So ein bisschen wie bei Columbo, man weiss sofort Bescheid. Der Roman ist im perspektivischen Wechsel geschrieben und beschreibt Aktionen des Täters und Reaktionen des Detektives – und auch das gelingt gut! Normalerweise hasse ich Bücher, in denen mir das Rätselraten abgenommen wird. Dieses hier ist eine Ausnahme! Ich finde es so toll, ich hab gleich auch die beiden nachfolgenden Bände reserviert 😊

 

 

 Gelesen: Sebastian Fitzek Flugangst 7A

Mein diesjähriges Weihnachtsgeschenk und damit ein echter Knüller unter dem Baum war Flugangst 7A von Sebastian Fitzek. Das Buch ist im Oktober bei Droemer Knaur erschienen und steht seitdem auf meiner Liste. Also habe ich meine Weihnachtsferien dann sehr sinnvoll genutzt. Für die meisten Menschen sah es so aus, als hätte ich nur herumgesessen. Aber Leser wissen, ich war gerade in einer voll besetzten Passagiermaschine über dem Atlantik unterwegs nach Berlin. Und versuchte eine Panik zu vermeiden.

Ich habe ja auch ein bisschen Angst vor dem Fliegen. Dieses Gefühl, nur herumzusitzen und nichts machen zu können, das ist einem die ganze Zeit gegenwärtig. Man kann ja nicht mal vor die Tür um frische Luft zu schnappen. Und in der Regel sind die anderen Passagiere alle irgendwie blöd. Das ist wahrscheinlich dasselbe Phänomen wie mit dem Tomatensaft: unten trinkt den niemand ohne Wodka, oben ordern alle dieses Zeug. Am Boden ist man lustig drauf, unterhält sich, Leute halt, mehr nicht, vielleicht ist man noch in Flirtlaune und macht Witze. Und oben löst jede andere Person enormen Stress aus.

 

Soviel zum allgemeinen Gefühl im Flieger, das kennt man ja. Echte Panikattacken hat nicht jeder, aber ich hatte das auch schon mal im Flieger und das ist nicht witzig. Kurz beschrieben: du denkst, dass du jetzt stirbst. Und zwar in der langsamen qualvollen Variante. Es ist nicht so, dass du tatsächlich stirbst – aber du denkst es. Fitzek hat genau das umgesetzt. Sowohl das normale allgemeine Unwohlsein als auch die Panik eines Angstpatienten. Und es ist ihm gut gelungen. Die Story drumherum ist auch wie immer logisch und lesenswert. Mehr sage ich zum Buch nicht, das muss jeder selber lesen. Oder eben nicht, Passagieren mit Flugangst ist es wohl nicht zu empfehlen.

 

Eines vielleicht noch, bevor ich meinen Buchtipp abschliesse: Man weiss diesmal vom ersten bis zum letzten Satz nicht (und das mein ich wörtlich – man tappt völlig im Dunkeln), ob die Hauptfiguren es schaffen zu überleben. Die Frage steht aber die ganze Zeit im Raum. Und das ist wirklich sehr gut gemacht! Schon allein deswegen musste ich weiterlesen.


Meine Kurzgeschichte: Die Schlüssel

Teil I :  "Auf nach Kruchloch"

 

"Zeig mal her das Teil!" meint Jeremy und reisst den Zigarrenkasten an sich. "Auf keinen Fall! Das muss ich nachher wieder zurücktun, mach bloss nichts kaputt!" brummt Benny und nimmt Jeremy den Kasten wieder ab. Er schwitzt ein bisschen. Weil er die Zigarrenkiste von seinem Onkel einfach eingesteckt hat, drückt ihn nun das schlechte Gewissen. Er will sich nichts anmerken lassen, aber er ist genervt und sein Ton ist barsch.

 

"Lasst gut sein, bis wir da sind... ich will hier keine Flecken im Auto!"ruft Toni und schaltet einen Gang höher. Er fährt gerade mit 70 Sachen die Autobahnauffahrt hoch. Und die Idioten auf der Rückbank rangeln mit offenen Getränkedosen in den Händen um die olle Kiste. Autobahn ist er seit der Prüfung nicht mehr gefahren. Wie war das noch gleich mit der Vorfahrt?

"Typisch Pingeltoni... immer in Sorge um das Auto." provoziert ihn Finn und grinst breit. Er hat es sich auf dem Beifahrersitz bequem gemacht und die Füsse auf die Konsole gelegt. "Klappe, Finno... sonst bist du längste Zeit erster Klasse gefahren!" droht Toni und wirft einen Blick in den Rückspiegel. Da kommt eh niemand. Hätte ihn um die Uhrzeit auch gewundert. Er wechselt die Spur ohne zu blinken. Links zieht ein Audi vorbei.

 

"Kann ich dann vorne sitzen?" wirft Benny ein. "Jeremy nervt!" "Hey, du bist heute auch nicht gerade cool drauf, mein Alter." nörgelt Jeremy. "Ich wollte ja bloss noch mal in die Kiste gucken." 

 

"Ich sitze vorn und fertig." bestimmt Finn und verschränkt die Arme vor der Brust. Es ist halt schon lässig, der beste Kumpel zu sein, vor allem seit Toni Führerschein und Auto hat. Finns Platz auf dem Beifahrersitz ist ihm heilig. "Wann machst du denn eigentlich den Führerschein?" versucht Benny das Thema zu wechseln und greift wie oft schon daneben. Im Ton und auch im Thema. "Was geht dich das an, du Schlumpf? Kann ja nicht jeder nen Vater haben, der einem alles bezahlt!" nörgelt Finn und dreht sich weg. Benny legt die hohe Stirn in Falten. "Ich mein ja nur, wir könnten halt zusammen in den blöden Unterricht gehen." Er sieht aus dem Fenster und tut so, als würde ihn das mit dem Schlumpf nicht stören. Jeremey lacht leise neben ihm.

 

Toni hat auf 120 erhöht und überholt einen Wohnwagen. "Wo ist eigentlich die Ausfahrt?" fragt er und zieht wieder auf die rechte Spur. "Nicht das wir dran vorbeifahren!" Benny beugt sich zum Fahrersitz vor. "Das müsste gleich der nächste Parkplatz sein. Der ohne Klo." sagt er und wirft einen Blick auf den Tacho. "Es sind nur zehn Kilometer bis zum Parkplatz, wahrscheinlich sind wir gleich da."

 

Jeremy nuckelt an dem Energy-Drink rum und rülpst. Er geht Benny sowas von auf die Nerven. Aber er hat neulich in der Umkleidekabine alles mitangehört und Toni und Finn haben nichts gesagt, als er sich einfach eingeladen hat.

Seit Wochen versucht Benny, bei den anderen Anschluss zu finden. Als Neuer in der Klasse war das zuerst gar nicht so leicht. Nach dem Umzug von Hamburg zurück in die alte Heimat hatte er sich immer wieder gesagt, dass er ja nicht ganz fremd hier war. Ausser Toni kannte er in der neuen Schule niemanden von früher und er hatte gehofft, dass sein Freund aus dem Sandkasten ihn immer noch gut leiden könnte. Aber die Freundschaft zu erneuern war nicht so leicht gewesen. Mühsam hat er sich um Tonis Aufmerksamkeit bemüht. Seit der Grundschule hat sich viel verändert. Toni hängt nur noch mit Finn rum, meistens fahren sie mit Tonis Auto durch die Gegend. Am Wochenende werden sie auf Partys eingeladen oder gehen in die Disko im Nachbarort. Da zieht Finn sich an einer Cola hoch, während Toni den Mädels Getränke ausgibt. Benny hatte eine Weile zugesehen, war immer mal wieder allein in der Disko aufgetaucht und schliesslich waren auch die Party-Einladungen gekommen. Aber dass er jetzt einen guten Draht zu den Jungs hat und mit ihnen im Auto herumfährt, dass liegt nur daran, dass er sich im Fussballverein angemeldet hat. Seitdem er regelmässig ins Training geht, läuft es besser für ihn. Und jetzt ist dieser blöde Jeremy da und läd sich einfach so ein.

 

Benny dreht die Zigarrenkiste in seinen Händen. Er hat sie im Haus seines Onkels gefunden, als er im Arbeitszimmer nach Zigaretten gesucht hat. Nach der Scheidung war bei seiner Mutter das Geld knapp und sein Taschengeld hatte sich somit halbiert. Gerade seine Handyrechnung konnte jetzt er noch berappen! Sein Vater war in Hamburg geblieben und meldete sich so gut wie nie. Also versucht Benny, anders an  dringend benötigte Sachen zu kommen. Sein Onkel, ein starker Raucher, hat überall in seinem Haus Zigarettenschachteln liegen und merkt gar nicht, wenn Benny sich vor einer Party ein paar davon abzweigt, damit er den Mädels eine anbieten kann. Er will nicht dumm neben Toni stehen wie Finno- auch wenn der nichts dafürkann, dass die Alten arbeitslos sind.  Als Benny im Wandschrank über die Kiste gestolpert war, hatte er erst an Zigarren gedacht. Das würde Eindruck bei den Jungs machen, so eine fette Kubanische. Aber Zigarren waren in der Kiste längst nicht mehr drin.

 

Nach dem Training ist Benny mit der Geschichte von der Zigarrenkiste angekommen, er hat es extra nicht in der Schule erzählen wollen.  Finn und Toni sind ganz hellhörig geworden. Das klang doch nach einem richtigen Abenteuer! Wie heiss die Sache wirklich war, merkten sie daran, dass sich plötzlich Jeremy an ihre Hacken klebte. Der 19-Jährige ist ein Jahr älter und hat gerade die Lehre abgebrochen.  Aus dem Fussballverein wäre er fast rausgeworfen worden, weil er einen Gegenspieler nach einer Niederlage zusammengeschlagen hat. Aber nur fast. Wenn er auch ein übler Kerl war, der Verein wäre ohne ihn in der Liga abgesoffen. Jeremy war einer der besten Torschützen im Landkreis. Dafür nahm der Trainer seine Charakterschwächen hin. Gewöhnlich gibt er sich nicht mit den anderen Jungs ab, sondern trifft sich mit seinen Kumpels in der Innenstadt. Dreht irgendein Ding. Der Kerl bedeutet doch nichts als Ärger. Wie jetzt auch... "Hey, zündest du dir gerade einen Joint an?!" keift Toni und geht vom Gas. "Mach den aus! Sofort!" Jeremy lacht nur. "Ich kriege richtig Ärger, wenn mein Alter das riecht, im Ernst jetzt! Mach aus!" Toni lässt das Fenster runter und spürt die frische Luft hereinströmen. Er beschleunigt wieder.

 

Jeremy grinst nur. Vorsichtig löscht er das Tütchen und versorgt es in der kleinen Metalldose. Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, wenn er nicht völlig stoned ist. "Was für eine Memme." meint er: "Nimmt dein Papi dir dann die Schlüssel weg oder was?" Toni ärgert sich. Warum hatten sie den Kerl mitgenommen? Er hat sich gleich gedacht, dass der Ärger machen würde. "Wenn du so fragst, ja. Und mein Alter ist da knallhart. Die Abmachung war: keine Joints! Der zieht das durch und ich bin das Auto los."

 

Finn pflichtet ihm bei. "Tonis Alter ist da wirklich völlig hart. Der kennt da nichts." Eigentlich ist Tonis Vater richtig cool, nicht so nervig wie Finns Dad, aber das muss Jeremy ja nicht wissen. Abgemacht ist immerhin abgemacht. Und was geht es den Jeremy an? Das hätte eine richtig gute Aktion werden können, mit Toni und Benny mal so richtig einen draufmachen. Wie im Film, nicht bloss Party, sondern richtig Action. Und dann war der Schlägertyp dazugekommen. So richtig gefällt Finn das nicht.

 

"Wann sind wir denn eigentlich mal da?" wirft Jeremy ein und äugt hinaus in die Dunkelheit. Sehen kann man so gut wie nichts. Aber hinter dem Fahrbahnrand ist eh nur kilometerweiter Wald. Benny windet sich ein bisschen. "Ich hoffe, die alte Karte stimmt. Es müsste eigentlich direkt auf dem Parkplatz Kruchloch sein." "Kruchloch ist ein Drecksloch." höhnt Jeremy. "Da gehen doch höchstens Stricher hin. Hoffentlich hast du recht mit dem Scheiss, sonst muss ich dir ein bisschen das Näschen plätten. Immerhin verschwende ich wegen dir wertvolle Zeit." drohe er und amüsiert sich über Bennys erschrockenes Gesicht. Er hat gar nicht vor, dem Dicken was zu tun. Eigentlich hat er vor ihm noch mehr Respekt als vor den anderen beiden Witzfiguren. Schlechte Spieler sind sie alle drei, keine Frage. Aber der dicke Benny will wenigstens fit werden und konzentriert sich beim Spielen. Die anderen beiden nehmen doch nichts ernst. Als er die Jungs über Kruchloch reden hörte, war er zunächst nicht sonderlich interessiert. Aber als Benny von dem stillgelegten Gebäude sprach und dass es seit Jahren niemand mehr benutzt hatte, ist er hellhörig geworden. Vielleicht gibt es da was abzustauben, was sich richtig lohnt.

 

"Alles klar, hier ist der Parkplatz." meint Toni und fährt von der Autobahn runter. Er bremst und nimmt die erstbeste Parklücke. Der Golf steht ein bisschen schiefdrin. Egal. Dann stellt er den Motor ab. Der Parkplatz ist leer. Nicht einmal ein LKW steht hier herum. "Hier ist ja so richtig tote Hose." brumme Finn und stiert nach draussen. "Ich seh da rein gar nichts. Seid ihr sicher, dass es da ein Gebäude gibt?" Die Jungs betrachten die Bäume und hohen Hecken, die das Scheinwerferlicht schlucken. Es gibt wirklich nichts zu sehen, da ist nur dieser schwarze Schlund. "Da müsste eine Zufahrt sein." meint Benny und öffnet die Zigarrenkiste. Er holt die Karte hervor. "Gib mal her!" fordert Toni und greift nach hinten. Benny reicht ihm den Plan. "Das ist der alte Bauplan vom Haus." "Ja, das seh ich auch. Und wo ist hier die Zufahrt?!" Benni beugt sich weiter vor und streckt den Arm mühsam aus, um auf den Punkt im Plan zu zeigen. "Hier geht die Strasse von der Autobahn ab und hier ist die Zufahrt. Aber jetzt sind hier nur Parkplätze." Er sieht sich ratlos um. Vielleicht ist seine Idee, dem alten ausgedienten Rastplatz einen Besuch abzustatten, doch nicht so gut gewesen. Hier ist gar nichts. Finn hat auch auf den Plan geschaut. Jetzt blickt er angestrengt zwischen die Bäume. "Wie alt ist der Plan, zwanzig Jahre?" Benny weiss es nicht. Er konnte ja schlecht seinen Onkel fragen. "Vermutlich älter, wieso?" Finn zeigt auf die Bäume. "Das sind doch Eschen? Die wachsen schnell. Wahrscheinlich waren sie damals noch nicht da." "Woher willst du denn wissen, dass das Eschen sind?" höhnt Jeremy und grinst wieder. Benny blickt auf. Finns Alter hatte einen eigenen Betrieb, bevor er Pleite ging, eine Gärtnerei. Finn kann also Recht haben. "Du meinst, die Bäume verstellen die Sicht auf das Haus?" Finn nickt nur. Toni starrt auch nach draussen. "Sieht aus wie ein Zaun zwischen dem ganzen Gestrüpp da. Dann haben die den Schuppen dichtgemacht, einen Zaun gezogen und die Zufahrt versperrt. Und die Bäume verdecken jetzt alles." kombiniert er. Jeremy öffnet die Autotür. "Alles klar, dann steigen wir mal aus."

 

 "Achtung Selfie!" schreit Finn und reisst sein Smartphone hoch. Es blitzt einmal und Benny sieht so gut wie nichts mehr. "Mensch, Finno, wenn uns jetzt jemand sieht oder was?"

 

Toni schliesst das Auto ab. Ist schon ok, noch sind wir ja nur am Parken." meint er lapidar. Benny fühlt sich trotzdem unwohl. Ist es nicht theoretisch Hausfriedensbruch oder sogar Einbruch, was sie vorhaben? Denn er hat ja nicht gefragt. Mit einmal gefällt ihm die ganze Aktion gar nicht mehr.

 

"Keine Fotos mehr, du Vollidiot!" sagt Jeremy mit einer bedrohlich dunklen Stimme. "Jedenfalls nicht von mir, ist das klar?" Finn steckt das Smartphone ein. "Ist doch eh verwackelt. Was regt ihr euch auf, he? Noch haben wir ja nichts gemacht, wie Toni sagte, alles cool." Benny nickt. "Ja, noch können wir umdrehen." Ihn hat ein mulmiges Gefühl beschlichen. "Schiss, oder was?" macht sich Jeremy über ihn lustig. "Der Dicke hat schon die Hosen voll. War ja klar." Benny atmet tief ein und aus- und versucht sich nichts anmerken zu lassen. "Ich meine ja nur. Falls einer von euch noch kneifen will, jetzt ist der Moment." stösst er hervor und läuft einfach los. Den Angstschweiss, der ihm den Rücken hinunterkriecht, ignoriert er.

 

Toni schaltet seine Taschenlampe ein. Benny ist schon losmarschiert, quer über den Rasen auf den Zaun zu. Toni setzt ihm nach. "Weisst du wo lang?" fragt er und leuchtet mit der Lampe den Zaun ab. "Sieht irgendwie alles dicht aus. Da ist kein Tor oder so." Benny bleibt kurz stehen und fingert an seiner Jackentasche herum. "Da muss ja irgendwo etwas sein. Abgerissen haben sie den Kasten sicherlich nicht." Endlich hat er die Taschenlampe heraus. Er knipst sie an und geht einen Schritt zurück, legt den Kopf in den Nacken. Über den dunklen Baumwipfeln drängt sich nur nackter schwarzer Himmel. Ein paar zerrissene Wolkenfetzen fegen über den Mond hinweg. Ansonsten ist nicht viel zu sehen. Die Lampe bringt ihm fast gar nichts. Viel zu schwach das Licht.

 

"Überleg doch mal logisch. Wenn man von der Autobahn runterfährt, dann muss die Ausfahrt zum Rasthof doch gleich neben der Abfahrt sein, also am Anfang. Also theoretisch muss man noch was sehen, wo da mal die Zufahrt war." Toni beleuchtet den Weg vor ihm. Die anderen beiden haben sie eingeholt. "Und jetzt?" fragt Finn und steckt die Hände in die Taschen. Er hält sich so fern von Jeremy wie es geht. Seine Finger halten sich an seinem Handy fest. Jeremy ist ihm so richtig unheimlich. Irgendwas stimmt mit dem Kerl nicht. Der hat nichts Gutes im Sinn. 

 

"Geht mal hier den Zaun ab, irgendwo muss ja ein Eingang sein." kommandiert Toni und leuchtet immer noch den unteren Teil des Zauns an. Benny starrt auf den Dreck zu seinen Füssen und macht ein paar Schritte nach rechts. Aber er sieht da irgendwie nichts. Nur Unkraut und Gras, das niemand schneidet oder mäht. Müll hat es da noch. Und es riecht auch total unangenehm. Er will gar nicht so genau wissen, wo er da drinsteht. Irgendwie hatte er sich das leichter vorgestellt.

 

Jeremy ist nach links gegangen, immer am Zaun entlang. Er findet schnell, was er sucht. Dort wo der Zaun ganz nah am Fahrbahnrand steht, hinter den ersten paar Parkplätzen, wird er fündig. Hier auf dem Dreck wächst wenig Gras, hauptsächlich Löwenzahn und Brennnesseln. Und unten am Zaun sieht er schliesslich ein kleines Rad.             Den Teil des Zauns kann man bewegen. Er rüttelt daran und spürt, dass der Zaun nachgibt. Er wackelt heftiger daran. Es rasselt und klingt irgendwie hohl. "Helft mir mal, ihr Vollidioten!" ruft er den anderen zu, die sich bereits zu ihm auf den Weg gemacht haben. Finn bleibt neben ihm stehen. "Warte mal, mach hier nicht so einen Lärm. Wenn das aufgehen soll, dann muss irgendwo ein Haken sein oder so." Er sucht den Zaun von unten nach oben ab, fängt beim Rad unten an und leuchtet mit seinem Handy nach oben. "Hier ist ein Schloss dran." bemerkt er schliesslich und sieht sich nach Benny um. "Was sagt die Zigarrenkiste dazu?" Benny steckt die Taschenlampe in den Mund, um die Hände frei zu haben und öffnet umständlich den Deckel. Er fühlt, dass die anderen ihn beobachten und das macht ihn ganz nervös. In der Kiste sind neben dem Plan noch Papiere, ein Flyer, eine alte Speisekarte oder so was, und ein kleiner Schlüsselbund. Er reicht Finn die Schlüssel.

 

Während der alle durchprobiert, stehen sich die Jungs die Beine in den Bauch. Irgendwann im Laufe des Abends ist es kalt geworden. Es herbstet schon und die Nachtluft ist kühl und dick. Sicherlich wird es am Morgen Nebel geben. Hier am Tor steht keine Laterne und dunkle Schatten erschweren Finn die Suche nach dem richtigen Schlüssel. Endlich hat er es geschafft. Doch das Tor will nicht aufgehen. "Da ist sicherlich zu viel Unkraut im Weg." meint Finn und gibt Benny den Schlüssel wieder. Dann macht er sich daran, ein paar dicke Büschel Löwenzahn vor dem Tor herauszuziehen. Er wirft sie neben sich ins Gras. "Fasst du da mit blossen Händen rein?" ekelt sich Benny. "Und was ist mit den Brennnesseln?" Finn blickt auf und zieht wieder am Tor. Es weitet sich um wenige Zentimeter. "Das passt schon, wir brauchen ja nur einen Spalt und nicht das ganze Tor öffnen. Jetzt sei kein Weichei und pack mal mit an."

 Gemeinsam schaffen sie Unkraut und Dreck beiseite, schieben die Erde und den Müll fort und bekommen so langsam das Tor weit genug auf, um hindurch zu schlüpfen.

 

"Tja, willkommen im Drecksloch!" ruft Jeremy und breitet theatralisch die Arme aus. Auch hier ist alles voller Schutt und Unkraut. Die Büsche haben sich vom Fahrbahnrand aus grosse Teile der Strasse zurückerobert. Sie strecken ihre Äste wie dürre Hände nach ihr aus. Der abgefahrene Asphalt sieht ganz bucklig und hügelig aus, weil Wurzeln und Unkräuter durchgebrochen sind. Die Jungs müssen vorsichtig laufen, um nicht zu fallen.

 

Finn sieht sich fröstelnd um. Die ganze Anlage ist hinter den Bäumen wirklich nicht zu sehen, weil das Gelände leicht abfällt. Der Weg, auf dem sie jetzt gehen, verläuft in einer weiten Linkskurve hinunter in ein flaches Tal. Ursprünglich muss dass mal die Zufahrtsstrasse gewesen sein. Aber viel ist nicht mehr übrig. Weiter vorn gabelt sie sich, und so führen zwei Wege um die Gebäude herum. Vorn steht scheinbar eine alte Tankstelle. Doch dort, wo einmal die Tanksäulen waren, sieht man nur noch ein paar runde Klötze über dem Erdboden. Toni ist vorausgelaufen und steht vor einem davon. Er beleuchtet ihn interessiert mit seiner Taschenlampe. "Was glaubt ihr, haben die noch Benzin da drin?" fragt er und schaut aus, als hätte er schon den ersten Schatz entdeckt. "Sicher nicht. Alles, was Geld bringt, ist längst weg." meint Benny und leuchtet vor sich den Weg ab. "Selbst wenn..." schnauft Finn, geht näher und besieht sich ebenfalls die verschweissten Stahlkuppen. "Du wüsstest ja nicht, was Diesel und was Benzin ist."

 

Benny hat den Plan herausgeholt. Die Tankstelle ist verhältnismässig klein, mit gerade einmal vier Zapfsäulen und einem schmalen Gebäude für die Kasse und den angeschlossenen Laden. Man muss ein Stück laufen, bis man zum eigentlichen Rasthof kommt. Dazwischen waren wohl einmal Parkplätze. Er marschiert vorsichtig weiter.

 

Jeremy ist bei der Eingangstür angekommen. Die Glasscheiben sind von innen mit Zeitungen zugeklebt. Hier und dort löst sich das Papier. Jeremy drückt sein Gesicht an das kalte Glas. Er späht hindurch. Dahinter kann man Schemen erahnen. Ladenregale und eine grosse Theke im Hintergrund. Jetzt holt auch er eine Taschenlampe heraus und leuchtet alles ab. Sehen kann man sie von oben wahrscheinlich nicht. Zu viele Bäume verdecken die Senke. Er kniet sich hin und macht sich an dem Vorhängeschloss zu schaffen. Ein altes Schloss und ein bisschen rostig, aber er knackt es sicher. Dann werden sie ja sehen, ob wirklich alles was Geld bringt, längst weg ist.

 

"Was machst du denn da? Brichst du das Schloss auf?!" ruft Benny hinter ihm und rennt herüber. Jeremy kann seine schweren Schritte hören und das Rascheln der Jacke. Er braucht nicht mehr viel Zeit. "Ich sehe mich drinnen um." brummt er und bearbeitet das Schloss weiter. "Hör mal, das gehört immer noch alles meinem Onkel! Also lass das sein und mach nichts kaputt!" Jeremy hält inne und dreht sich zu dem Dicken um. "Und was soll das heissen, Schwabbel?" fragt er leise. Er wirft ihm einen gut geübten Blick zu. Das schüchtert die Meisten ein. Keiner legt sich mit ihm an. Benny schluckt. In dem Moment blitzt es wieder grell auf.

 

"Bitte recht freundlich!" schreit Finn und drückt noch einmal auf den Auslöser. "Was machst du da, du KLEINER PISSER!" schreit Jeremy und springt auf. "Ich habe gesagt keine FOTOS!" Er stürmt an Benny vorbei, der immer noch neben der Tür steht und auf Finn zu. Finn steckt das Handy blitzschnell ein. "Falls du auf dumme Ideen kommst... dann kriegen alle dein Foto zu sehen- auf frischer Tat. Und du brauchst mir das Handy auch gar nicht abnehmen!" ruft er und macht ein paar Schritte rückwärts. "Ich habe das Bild schon längst versendet, es ist weg!" Toni reagiert schnell und stellt sich zwischen die beiden. Jeremy atmet schwer und ist hochrot. Toni starrt ihn an. Wahrscheinlich klatscht er Finn gleich ein paar. Wenn es nur dabei bleibt... "Benny hat recht: Es wird nichts kaputt gemacht oder gestohlen. Wenn du dich nicht an unsere Regeln hältst, bist du raus." sagt er und versucht ganz ruhig zu bleiben. Zum Glück steht Benny nicht mehr wie festgefroren da, sondern kommt langsam rüber. Auch Finn nähert sich. Jeremy starrt die drei abwechselnd an. Er kocht vor Wut. Am liebsten würde er zulangen. Und zwar kräftig. Aber sie haben eines begriffen: Wenn sie mit Jeremy zurechtkommen wollen, dann müssen sie zusammenhalten. Drei gegen einen. Jeremy unterdrückt seine Wut. Später wird sich schon was ergeben.

 

"Ausserdem habe ich den Schlüssel." sagt Benny und zieht das Bund hervor. "Also. Gehen wir rein?"

 

 Drinnen stinkt es. Nach faulendem Abfall und irgendetwas Widerlichem. Exkremente? Benny versorgt das Schlüsselbund sorgfältig. Dann leuchtet er umher. Die Regale sind leer. Auf dem Boden liegt eine Menge Zeug. Das meiste ist feucht und schimmelt. Anscheinend hausen hier Ratten, denn sie haben ihre Hinterlassenschaften überall verteilt. Und nicht nur das, irgendwie müssen sie einen Müllcontainer geplündert haben, denn der Dreck liegt auch überall. Er leuchtet mit der Taschenlampe die Decke ab. Dort hat sich ein               grosser feuchter Fleck gebildet. Das ganze Dach hängt leicht durch. "Wir müssen aufpassen, die Decke ist nicht mehr in Schuss." sagt Benny und zeigt nach oben.

 

Finn legt den Kopf in den Nacken. "Oh Mann, hoffentlich kommt die nicht runter und erschlägt uns. Zwischen dem ganzen Scheiss hier will ich nicht begraben sein." Er geht an einer Regalreihe lang. "Die Kärtchen mit den Preisen stecken da immer noch drin!" lacht er und zieht eines heraus. Es ist feucht und ganz mürbe, wie ein alter Keks. Angewidert lässt er es fallen. "Dass die Bude überhaupt noch steht. Das ist doch alles Schrott."

 

"Hier kann man wirklich nicht viel anfangen." sagt Toni und klingt enttäuscht. Er hatte gehofft, dass sie vielleicht einen Ort zum Feiern gefunden hätten, die Möglichkeit, einmal eine richtig grosse Party zu schmeissen. Aber das hier ist nicht nur eklig, es ist auch gefährlich. Die Vorstellung in dem ganzen Dreck unter der feuchten Decke eingeklemmt zu werden und nicht mehr herauszukommen, lässt ihn frösteln. Wieso musste Finno auch damit ankommen. Lust auf eine Party hat er nicht mehr. Er würde lieber wieder an die frische Luft. Ganz beklemmend ist es und erst der Gestank hier drin. Ob die Ratten wohl noch hier sind? Unter seinen Füssen knirscht es. Er leuchtet nach unten. Da liegen kleine Knochen. Blank und weiss. Ein Tier, getötet, hierhergeschleppt und bis auf die Knochen abgenagt. Er hat sie mit seinem Absatz zerbrochen. Ihm wird übel.

 

Aber die anderen zeigen kein Interesse daran, zu gehen. Jeremy ist hinter die Theke verschwunden. Er fördert gerade ein grosses altes Buch zu Tage. Laut klatscht es, als er den dicken Band auf den Tresen knallt. "Ein Kassenbuch." sagt er und schlägt die modernden Seiten auf. Aber lesen kann man darin nichts mehr. Die welligen Seiten lösen sich fast auf. Die Schrift ist verwaschen. Dann holt er noch eine kleine Metalldose hervor. "Jackpot!" ruft er und klappt den Deckel auf. "Eine Geldkassette?" ruft Finn und trabt herüber. Jeremy schiebt sie mit einer wütenden Gebärde von sich. "Leer." Finn wirft trotzdem einen Blick hinein. Aber das alte Ding hat nicht mal mehr einen Schlüssel, geschweige denn ein funktionierendes Schloss.

 

Benny hat die beiden beobachtet und dreht sich nun um. Neben ihm ist eine lange Reihe von Zeitungsständern an der Wand unter dem Fenster montiert. Leer. Er folgt ihr nach hinten. Dort steht ein alter Spielautomat. Ein einarmiger Bandit. Benny versucht, den Arm herunterzudrücken, aber der klemmt. Er senkt sich nur ein Stück und es klingt, als kratzt Metall auf Metall. In der Geldausgabe ist auch nichts. Die verloschene Anzeige verrät ihm, dass man zum Spielen eine Deutsche Mark braucht. "Hat mal wer `ne Mark?" ruft er und dreht sich grinsend um. "Echt jetzt?" meint Jeremy. "Der Kasten läuft mit D-Mark?" Er sieht enttäuscht aus. "Die nimmt doch keiner mehr. Oh man, was ein Scheiss."

 

Toni geht zu Benny rüber und beleuchtet den alten Banditen. "Kann man mit dem noch zocken, was meinst du?" Benny schüttelt den Kopf. "Der Hebel klemmt. Und ohne Strom... keine Chance." Vom Banditen lösen sich bereits die Klebefolien, die ihm einmal ein hölzernes Aussehen verliehen haben. Darunter rostet Metall. "Wahrscheinlich kippt das Ding um, wenn du zu doll dran ziehst." meint Benny und wandert weiter. In der Rückwand gibt es eine Tür aus altem, weichen Sperrholz, hinter der sich eine ziemlich schmutzige alte Toilette befindet. Der Toilettensitz fehlt. Der Gestank ist dafür umso schlimmer. Schnell macht Benny einen Schritt zurück.

 

Finn streckt seinen Kopf gerade durch die zweite Tür. Auf ihr klebt ein kleines Schild "Privat". Dahinter war wohl einmal das Kassenbüro. Aber irgendwann ist die Decke durchgebrochen und hat das ganze Büro unter sich begraben. Mondlicht scheint durch das Loch in der Decke und erhellt das ganze Ausmass der Zerstörung. "Na toll, hier ist echt alles Schrott. Aber total." meint Finn und zeigt den anderen das Büro. Toni sagt: "Besser wir gehen, bevor der Rest der Decke auch noch runterkracht." Jeremy sieht ziemlich genervt aus.

 

Benny ist enttäuscht. Er hatte so gehofft, dass er seine Freunde einen abenteuerreichen Ausflug bieten könnte, stattdessen stehen sie auf einer komplett kaputten Müllhalde. Und dafür haben sie doch tatsächlich einen Schlüssel gebraucht? Wozu noch abschliessen, wenn es nicht mal mehr was zu sehen gibt? Er geht weiter und kommt zur Theke. Dahinter liegt auch nur jede Menge Dreck. Leere Pappschachteln von Schokoriegeln und Snackverpackungen bedecken den Boden. Man läuft darauf wie über einen nassen, weichen Teppich. Es macht ein leises schmatzendes Geräusch, wenn er drauftritt. Das ist so richtig eklig. Die Regalfächer sind alle leer bis auf eine zentimeterdicke Staubschicht. In der anderen Ecke des kleinen Ladengebäudes findet er im Lichtkegel der Taschenlampe dann doch noch ein volles Regal. Eine Plastikfolie liegt darüber. Benny lupft sie vorsichtig an. Es riecht echt grässlich. Ein Haufen billiger Plüschtiere hockt darunter. Die Art von Kuscheltieren, die man auf Jahrmärkten gewinnen kann. "Schaut mal her. Wollt ihr euch nicht ein Souvenir mitnehmen?" Er packt einen der Bären und hebt ihn hoch.

 

Plötzlich ertönt ein lautes Fauchen. Die Kuscheltiere bewegen sich! Benny schreit. Die Jungs sind vor Schreck erstarrt. Der ganze Haufen gerät in Bewegung. Die Plastikplane rutscht zu Boden. Dann erklingt ein lautes Zischen und etwas springt auf Benny zu. "HILFE!" kreischt er und stolpert nach hinten. Er spürt etwas zwischen seinen Beinen hindurchflitzen und verliert das Gleichgewicht. Mit einem dumpfen Schlag landet er auf dem Hinterteil. Toni schreit ebenfalls los. Die Plüschtiere fallen nicht zu Boden, sie springen davon. Die leblosen Bären scheinen mit einmal lebendig geworden zu sein! "Scheisse!" hören sie Jeremy fluchen, dann kracht es.  Irgendwo hinten ist ein Regal umgefallen. Etwas Grosses mit roten glühenden Augen landet direkt auf Bennys Bauch. Wild schlägt er um sich und trifft das Ding mit der Taschenlampe. Es quiekt und verschwindet im Dunkeln.

 

 

"Jungs, Jungs!" ruft Finn und lacht. "Das sind bloss Ratten, beruhigt euch." Er kann sich kaum halten. Das blöde Gesicht von Benny, als die Ratte auf seinem Bauch sass und ihn angefaucht hat. "Sie sind weg, Jungs. Alles cool." Er macht ein paar Fotos von dem Kuscheltierhaufen. Da drin haben sich die Ratten ein richtiges Nest gebaut. Mit der Füllung aus den Kuscheltieren und allerlei anderem Unrat. "Wow, das stinkt echt widerlich. Dass du das angepackt hast, Benny. Echt nicht." Finn macht ein paar Schritte zurück.

 

Hinter ihm raschelt es wieder. Benny steht auf. Ihm tut sein Hintern weh. Ausserdem ist es ihm richtig peinlich, dass er sich so angestellt hat. "Blöde Nager!" flucht er und      tappst zum Ausgang. Er hat genug. Toni folgt ihm, sichtlich erleichtert. "Alles klar, Benny?" "Ich brauch frische Luft." Jeremy überholt die beiden und feixt. "Dem Dicken geht`s gut, nicht war Dicker? Der ist schön weich gelandet."

 

Draussen atmet Benny erst einmal tief durch. Der Schreck sitzt tief. Er reibt sich den Hintern. Die Jeans ist nass. Na toll, jetzt hat er den ganzen Dreck an der Hose. Was für ein Abend. Sein Körper schwitzt, als wäre er gerade einen Marathon gelaufen, dabei ist ihm saukalt. Er sieht sich um. Die Taschenlampe hat er fallen gelassen - naja, die ist sicher hin. Was soll`s! Die kann bleiben, wo sie ist. Nochmal geht er da sicherlich nicht rein. Finn macht noch ein Foto vom Tankstellenhäuschen. Er hat sich immer noch nicht ganz eingekriegt und kichert vor sich hin. Wenn es nach Benny geht, kann der auch bleiben, wo er ist. Dann bemerkt er, dass auch das Schlüsselbund fehlt.

 

Benny flucht. So ein verdammter Scheiss! Jetzt muss er doch noch mal da reingehen. Ohne die Schlüssel kann er nicht fahren! Er muss alles wieder zurück in das Büro seines Onkels bringen, bevor der überhaupt merkt, dass Benny die Kiste genommen hat. Stöhnend dreht er sich zur Tür um. "Ich habe die Schlüssel da drin fallen gelassen." sagt er und sieht Toni an. "Kann ich mal deine Taschenlampe haben? Ich muss noch mal rein und sie holen." Toni gibt sie ihm wortlos. Finn schnauft abschätzig. "Bäh, nochmal in den Müllhaufen. Na viel Spass. Hoffentlich sind sie nicht ins Rattennest gefallen."

 

 

Jetzt steht er wieder drin. Nur wenige Minuten, nachdem er sich selbst gesagt hatte, dass er nie wieder hier rein will. Egal, er sollte sich einfach beeilen. Benny geht vor bis zur Theke und leuchtet den Boden ab. Da liegen die Teddybären jetzt wieder ruhig und friedlich auf einem Haufen am Boden, als hätten sie ihm nichts getan. Aber er erinnert sich an den Schreck. An die Panik und das schmerzhafte Gefühl, als er gestürzt ist. Benny dreht sich weg und leuchtet den dreckigen Fussboden ab. Hier sind ihm die Schlüssel sicher herausgefallen. Beim Sturz. Er macht ein paar Schritte in Richtung Tür. Wo sind die nur?

 

 Finn spielt mit seinem Handy herum. Was macht der Kerl so lang da drin? "Hey Benny, wo bleibst du? Mach mal hin." Er dreht sich zu Toni um. "Sollen wir ihm suchen helfen?" fragt er. Toni schüttelt den Kopf. "Der kommt doch gleich. Kein Grund da noch mal reinzugehen." "Drecksloch!" pflichtet ihm Finn bei und hält mit der Kamera auf die Ladenfront. "Er braucht bestimmt nur ein bisschen mehr Licht." kichert er und drückt auf den Auslöser. "Ja, als ob ihm das bisschen Licht hilft, du Vogel." grinst Toni. Er versucht zu verstecken, dass er da nicht mehr reingehen will. Dieser Laden macht ihm Angst. War überhaupt eine blöde Idee. Er sieht sich um. "Du sag mal, wo ist der Jeremy jetzt eigentlich hin?" Toni ist sich sicher, ihn eben noch gesehen zu haben.

 

Finn scrollt durch seine Fotos. "Der wird schon irgendwo sein." murmelt er und betrachtet das letzte Bild. Der Blitz wurde von den dreckigen Scheiben teilweise reflektiert. Man sieht fast nichts. Das Bild ist so gut wie Schrott. Benny kann man gar nicht richtig erkennen, man sieht nur einen dicklichen Umriss vorn bei der Tür. Er zoomt ein bisschen näher. Ja, das ist der Benny. Man sieht die Taschenlampe und den Strahl Richtung Boden. Hinter Bennys hellem blonden Kopf ist noch ein Umriss. "Du, Jeremy ist drin bei Benny." sagt Finn und hält Toni den Bildschirm hin. Der kneift die Augen zusammen. "Da erkennt man doch gar nichts." sagt er. Finn dreht den Bildschirm ein bisschen. "Doch, da. Der dicke Kerl vorn mit der Taschenlampe. Und dahinter steht Jeremy."

 

"Wo steh ich?"

 

 

Benny sucht jetzt wieder im hinteren Teil. Er hat es eben blitzen sehen. Finn spielt draussen bestimmt wieder mit der Kamera seines Handys herum. Der Finno... Er seufzt. Wahrscheinlich muss er doch nochmal bis zu den Kuscheltieren gehen. Na toll. Rattennester durchwühlen! Es schüttelt ihn bei dem Gedanken. Er will hier nur noch raus. Aber was hilft es. Zögerlich geht er weiter. An der Theke entlang fällt ihm dann doch etwas auf. Da liegt seine Taschenlampe. Er bückt sich und greift danach. Scheint noch in Ordnung zu sein. Na wenigstens etwas. Er schüttelt sie ein bisschen. Das Lämpchen geht wieder an. Jetzt hat er etwas mehr Licht. Er sucht den Boden noch einmal ganz genau ab. Und dann sieht er es unter dem Regal. Ein verhaltenes Glitzern.

 

Benny bückt sich vorsichtig und leuchtet unter das Regal. Da liegen die Schlüssel im Staub. Sie haben das Licht von der Taschenlampe reflektiert. Er leuchtet gründlich alles ab. Keine Ratten da. Irgendwie fühlt er sich trotzdem beobachtet. Er geht in die Hocke und versucht, unter das Regal zu greifen. Mist. War ja klar, so kommt er nicht ran. Aber die Hose ist eh dreckig. Angeekelt kniet er sich hin und rutscht noch ein Stück vor. Es ist zum Glück hoch genug. Er muss nicht mit dem Gesicht auf dem Boden liegen um die Schlüssel zu sehen. Er umschliesst sie fest mit der Hand, da fällt sein Blick auf ein paar Schuhe. Steht da jemand im Gang nebenan?

 

"Bist du nicht mehr bei Benny?" fragt Finn und dreht sich zu Jeremy um. "Nee, ich war mal eben austreten." sagt er und zeigt auf die Büsche. Finn fragt: "Aber wie bist du so schnell dahin gekommen, ohne dass wir dich gesehen haben?!" Jeremy ist sichtlich genervt. "Ich bin vor euch rausgegangen." "Kann nicht sein!" meint Finn und zeigt ihm das Bild. "Das habe ich ja eben erst gemacht. Und da stehst du hinter Benny." Jeremy wirft einen Blick auf das Bild, zoomt es schnell näher heran und gibt Finn das Handy dann zurück. "Junge, ich bin aber nicht sehr viel grösser als unser Dicker. Und der Typ auf dem Foto ist einen ganzen Kopf grösser. Das muss der Toni sein." "Aber der ist doch bei mir gewesen, als ich das Bild gemacht hab!"

 

Doch, das sind Stiefel. "Hey, nett dass du mir helfen willst, aber ich habe die Schlüssel schon gefunden." meint Benny und steht mühsam wieder auf. Er hat sich beim Sturz doch ein bisschen was verletzt. Schmerz schiesst ihm durch das rechte Bein. "Wir können verschwinden." Er sieht sich um. Da steht niemand hinter dem Regal. Komisch, eben hat er doch die Stiefel von ... er sieht sich noch einmal genauer um. Niemand da. Aber er hat Stiefel gesehen! Wer auch immer gerade hinter dem Regal stand, muss noch im Laden sein. Benny beschleicht ein ganz komisches Gefühl. Das hat er noch nie gehabt. Die Härchen in seinem Nacken haben sich komplett aufgestellt. Mit dem einen Schlag setzt sein Herz fast aus, dann rast es doppelt so schnell wie vorher. Als ob ihn etwas beobachtet. Er atmet tief ein und aus. Einer von den Jungs will ihn ärgern! Das ist alles. "Sehr witzig!" sagt er laut und dreht sich um. Er ist allein. 

 

Ok, vielleicht stehen da einfach nur Stiefel. Hier liegt so viel Dreck herum...soll er nochmal nachsehen? Er bückt sich noch einmal und schaut unter dem Regal nach. Ja, ein Paar Stiefel, ein bisschen dreckig und schon recht ausgelatscht. Benny richtet sich wieder auf. Da steht einfach nur ein leeres Paar Stiefel. Ihm ist mit einmal nach Lachen zu Mute. Der Müll hat ihm einen Schrecken eingejagt. Zum zweiten Mal. Nichts wie weg hier! Er geht Richtung Ausgang und umrundet dabei das Regal. Wie um sich selbst zu überzeugen, dass alles gut ist, wirft er noch einen Blick zurück. Der Gang hinter dem Regal ist leer. Der Fussboden auch. Keine Stiefel da.

 

 

Benny stürmt auf die anderen zu. Die starren alle auf das Handydisplay. "Ich habe die Schlüssel, nichts wie weg." ruft er und bleibt keuchend stehen. Ob er den anderen erzählen soll, wie komisch das gerade gewesen ist? Lieber nicht. Die glauben ihm das eh nicht. Er glaubt sich ja selbst nicht. Die Stiefel! Er wirft einen schnellen Blick nach unten. Alle tragen Turnschuhe. Das war es, was ihn so in Angst versetzt hat, eben beim Anblick der Schuhe da drin. Von den Jungs hat keiner Stiefel an. Bestimmt hat er sich geirrt. Seine Phantasie hat ihm einen bösen Streich gespielt. Toni starrt ihn an. "Du Benny, ist da noch jemand bei dir im Laden gewesen?" 

 

 

 

«Also gehen wir weiter?» fragt Jeremy die Anderen.

 

 

Und? Sollen sie weitergehen? Oder lieber nach Hause fahren?  

 

Was meinst du?

Wenn du wissen willst, wie es weiter geht, dann hinterlasse mir einen Kommentar, ob ich weiterschreiben soll oder nicht. Ich würde mich freuen! :)