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Toter Nikolaus

Eine Kurzgeschichte in 24 Teilen


In den nächsten 24 Tagen werde ich jeden Abend den nächsten Teil meiner Kurzgeschichte "Toter Nikolaus" für euch hochladen. Ihr könnt sie in Teilen lesen oder Heiligabend am Stück und natürlich kommentieren. Ich hoffe ihr habt viel Freude an meinem kleinen Adventskalenderprojekt! Viel Spass beim Lesen! Los geht's am 1. Dezember!


 

  1. Dezember

 

White Christmas lief mal wieder im Radio. Der meistgespielte Song zur Weihnachtszeit. Irgendwie war das noch gar nicht zu ihm durchgedrungen. Lienhardt blinzelte und versuchte, den Kaffee nicht zu verschütten, als der Streifenwagen sich etwas zu schnell in die Kurve legte. Der junge Streifenpolizist hatte ein ziemliches Tempo drauf, und das bei dem Mistwetter.

 

An einer Ampel wagte er es dann, vorsichtig an seinem Pappbecher zu schlürfen. Er musste gleich hellwach sein. Was auch immer auf ihn wartete. Ein völlig verregneter erster Dezember, den ganzen Tag dunkel und bewölkt, als würde noch ein Sturm aufziehen. «Soll ich das Blaulicht einschalten?» fragte der junge Beamte übereifrig. «Nein.» entgegnete Lienhardt und nahm schnell noch einen Schluck Kaffee. Sie fuhren weiter.

 

Blaulicht, dabei war sein Kollege am Telefon eindeutig gewesen. Ein Todesfall, der Arzt war nur pro forma anwesend, Spusi und Leichenwagen längst unterwegs. Also war derjenige schon länger tot, übersetzte Lienhardt für sich. Wahrscheinlich warteten sie nur darauf, dass er vorbeikam, die Sache in Augenschein nahm und dann räumten sie auf. Lienhardt machte sich gern einen eigenen Eindruck von der Sachlage. Fotos nutzen ihm da nichts. Auch wenn er eigentlich nicht mehr vor Ort sein musste. Er könnte es sich bei dem Sauwetter auch hinter dem Schreibtisch bequem machen.

 

Nachtschicht. Und das im Dezember. Niemand war sonderlich erpicht darauf, hier draussen im Regen zu stehen und alles wollte wieder ins Warme. Geredet wurde sonst auch nicht viel, aber heute waren alle seltsam still. Lienhardt ging an den Kollegen vorbei, die an der Hofeinfahrt Wache hielten, hob die Hand zum Gruss, als er an den Männern mit der Bahre vorbeikam, die im Torbogen geschützt vor dem Regen eine rauchten und bückte sich unter dem Absperrband hindurch, das schlapp im Regen hing wie nasse Wäsche.

 

Vier Häuser, allesamt drei Stockwerke hoch mit spitzen Dächern, umstanden den gepflasterten Innenhof. Noch brannte kaum Licht in den Fenstern, die Wohnungen wirkten verwaist und die Leere war selbst hier, wo die Beamten und Mitarbeiter in kleinen Grüppchen arbeiteten, fast greifbar. Dieser Ort ist einsam, dachte Lienhardt und fragte sich, ob sie überhaupt Zeugen finden würden.

 

«Niemand hat was gesehen.» begrüsste ihn darum auch sein Kollege Dietmar. «Aber es ist auch kaum jemand zu Hause. Unglaublich, bei dem Wetter…» er liess den Satz unbeendet und zeigte auf einen kleinen Garten, den jemand hier den Backsteinen zum Trotz angelegt hatte. «Dort drüben.» Er konnte kaum etwas sehen. War das ein Spielplatz? Weit reichte der Lichtkegel der zwei Laternen nicht, die an den Hauswänden hingen und gegen die Dunkelheit kämpften.

 

Lienhardt ging über ein kurzes Rasenstück, betrat einen schmalen Kiesweg und knirschte weiter bis zu einer flachen Hecke. Eine kleine Bank und ein Sandkasten, mit einer grünen Plane abgedeckt, schmückten das Gärtchen ebenso wie eine Rabatte aus Rosensträuchern, zurückgestutzt und mit Sackleinen verkleidet. Dahinter stand ein Gartenhäuschen, eines von denen, die man im Baumarkt bekommt. Jemand hatte es grün gestrichen und Gardinen in die Fenster gehängt. Allerdings war dies schon Jahre her, die Farbe bröckelte, die Gardinen waren vergilbt.

 

«Er liegt da drüben.» meinte Dietmar. «Sieht aus, als wäre er friedlich eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht.» Lienhardt folgte dem Weg und stand nach wenigen Schritten in der Tür des Häuschens. Gartengeräte in der einen Ecke, ein Eimer für Grünschnitt in der anderen. Kleine Schaufeln und Harken an Nägeln in der Wand. Eine erloschene Kerze auf dem Fensterbrett. Und ein Schlafsack auf dem Boden, der mit Zeitungen ausgelegt war. In dem Schlafsack sass der dunkle Umriss eines Mannes, an die Rückwand des Häuschens gelehnt. Dietmar leuchtete mit einer starken Lampe hinein. Lienhardt zuckte zurück. Vor ihm auf dem Boden sass der Weihnachtsmann. Und er war eindeutig mausetot.  

 

2. Dezember

 

  «Wenn das kein böses Omen ist, weiss ich auch nicht.» meinte Dietmar und stellte den Kaffeebecher ab. Er warf einen Blick auf die Uhr. Lienhardt seufzte kaum hörbar. Dietmar war ein guter Kollege, hatte einen wachen Verstand und war sich nicht zu schade für Laufarbeit. Aber in der Nachtschicht war er fehl am Platz. Schlecht gelaunt sah er dauernd  auf die Uhr und fragte sich, wann er nach Hause konnte. Tagsüber tat er das nicht.

 

«Böse Omen gibt es nicht.» sagte Lienhardt und lehnte sich im Bürostuhl zurück. Die Uhr über der Tür zeigte kurz nach Mitternacht. Dietmar würde noch ein wenig warten müssen, bis es in den Feierabend ging. «Weihnachten fällt nicht gleich aus, nur weil wir einen toten Mann in einem Weihnachtsmannkostüm gefunden haben.»

 

Sabina kam zur Tür herein. «Ich habe gerade den vorläufigen Bericht zu den Sachen des Mannes erhalten.» Lienhardt nickte und sie zählte auf. «Ein Rucksack und ein Schlafsack, billige Qualität, schon länger im Gebrauch aber relativ sauber. Ein Stapel Kleidung in einer Plastiktüte, hauptsächlich warme Sachen, abgetragen und allesamt ohne Etiketten. Anscheinend wurden sie sauber mit einer Schere herausgetrennt. Stiefel in Grösse 46 mit abgelaufenen Sohlen. In dem Rucksack waren noch eine alte leere Thermoskanne, eine Flasche Korn mit abgerissenem Etikett, ein Taschenmesser, eine Schere und eine Rolle Schnur, Paketband, eine fast leere Tube Kleber, ein Nageletui ebenfalls gebraucht, ein Kamm und ein Stück Seife in einem Waschlappen, eine Reisezahnbürste in einem kleinen Plastikbecher, ein bisschen Bargeld in einem Paar eingerollter Socken. Eine Geldbörse aus Leder, ebenfalls viel gebraucht, kaum Bargeld, ein Schlüssel, ein Ausweis. Der Name auf dem Ausweis lautet Nikolaus Berger.» Sie verstummte und liess den Block sinken, von dem sie abgelesen hatte.

 

 

 

«Der Tote hiess Nikolaus? Das passt viel zu gut. Neee, das gefällt mir nicht.» sagte Dietmar. Lienhardt atmete tief ein und aus. «Seht zu, dass das nicht an die Presse kommt. Ich fände es pietätlos, wenn sie das ausschlachten. Ist die Identität denn schon bestätigt?» Sabina schüttelte den Kopf. «Noch nicht eindeutig. Aber der Tote ähnelt dem Foto auf dem Ausweis. Das Problem ist, dass es sich wahrscheinlich um eine Person ohne Wohnsitz handelt.»

 

Dietmar stöhnte. «Dann kriegen wir vielleicht keine Zahnunterlagen. Fingerabdrücke?»

 

«Werden noch abgeglichen.» Sabina machte ein zuversichtliches Gesicht.

 

«Gut! Dann bleib dran und halte uns auf dem Laufenden. Schon was zur Todesursache?» Die junge Kollegin schüttelte nur den Kopf. «Es hat sich auch sonst noch nichts weiter ergeben.»

 

Lienhardt dachte kurz nach. «Sabina, wir brauchen ein Foto des Toten, vielleicht erkennt ihn ja jemand, wenn Zähne und Fingerabdrücke nichts bringen. Mir scheinen das auch ein bisschen wenig Habseligkeiten zu sein, selbst für jemanden ohne Wohnsitz. Dietmar, nimm dir mal den Schlüssel vor und schau nach, ob der nicht zu einem Schliessfach oder so passen könnte. Die haben doch Seriennummern.»

 

«Vielleicht ist es auch ein Lagerraum!» warf Sabina ein.

 

«Gute Idee! Dem können wir erst einmal nachgehen.»

 

3. Dezember

 

«Das ist also das Lager des Toten.» Lienhardt sah sich in einer der schäbigen Baracken um, die der Besitzer des Grundstückes optimistisch als Lagerhallen bezeichnete. Dietmar nickte müde. «Ich habe die ganze Nacht gesucht und heute Morgen Überstunden gemacht, aber ich habe sie gefunden.» Er zückte einen Notizblock und schlug eine Seite auf. «Das Lager wurde von einem Nikolaus Berger vor drei Jahren angemietet und seitdem wird monatlich bar bezahlt. Wohnen ist hier nicht gestattet. Wobei ich glaube, der Vermieter nimmt es nicht so genau.»

 

Lienhardt betrachtete den fadenscheinigen Teppich, der auf dem Boden ausgerollt lag. Bestimmt war er mal sein Geld Wert gewesen. Jetzt hatten ihn Mäuse und Motten zernagt. An der gegenüberliegenden Wand stand ein Schrank, die Türen hingen offen in den Angeln, Pappschachteln und Kisten reihten sich ordentlich in den Regalen im Inneren. «Was ist da drin?» Er zeigte auf die Ordner in einer der Kiste.

 

«Papiere. Familienfotos. Auf den ersten Blick nichts Wichtiges, aber das können ja vielleicht ein paar Kollegen auf der Wache durchsehen.» Dietmar trat von einem Bein aufs andere. Hier war es kalt und zugig. Draussen prasselte neuer Regen auf die Dächer. Hier drin klang es wie Stammestrommeln. Licht hatte es auch keines, sie behalfen sich mit einer tragbaren Campinglampe, die Dietmar vom Grundstücksbesitzer geliehen hatte.

 

In einer Ecke stand eine alte Truhe, sie sah fast antik aus. Lienhardt stiess den Deckel auf und entdeckte etwas, das aussah wie alte Betttücher. Oben drauf lag ein Teddybär mit nur einem Ohr. Lienhardt hob ihn kurz an und legte ihn dann wieder zurück. Hinter der Truhe fand er eine alte Wandkarte aus dem 19. Jahrhundert, ein zusammengerolltes Poster irgendeiner Rockband und eine gerahmte Landschaftsmalerei. 

 

«Inzwischen ist die Identifizierung auch bestätigt worden.» sagte Lienhardt, als er sich wiederaufrichtete. «Es handelt sich bei dem Toten um Nikolaus Berger. Die Fingerabdrücke hat Sabina im Computer gefunden. Er ist mal vor zwei Jahren wegen Hausfriedensbruch verhaftet worden. Wir können dann also die nächsten Angehörigen verständigen lassen. Falls er welche hat.»

 

Dietmar, der wieder in den Fotos im Schrank wühlte, zog ein grösseres Bild in einem billigen Rahmen aus dem Haufen heraus. «Sieht aus, als hätte er eine Ehefrau.» Er hielt Lienhardt das Bild hin. «Oder zumindest hatte er mal eine. Hängt wohl immer noch an ihr, wenn er die ganzen Fotos nicht weggeschmissen hat.»

 

Lienhardt betrachtete nachdenklich den Aufkleber auf einem alten Besteckkasten. Er klappte den Deckel hoch. Darin lagen silberne Löffel, angelaufen und glanzlos. «Er wurde anscheinend gepfändet.» teilte er Dietmar mit. «Der Gerichtsvollzieher war da. Das sollten wir auch mal überprüfen. Vielleicht ist da noch etwas offen. Oder es gibt Hinweise auf ein paar üblere Schuldeneintreiber als den Staat.»

 

«Denkst du an Spielschulden?» Dietmar nahm einen Karton aus dem Schrank. «War es denn überhaupt Fremdverschulden?» Er liess den Karton auf den Boden plumpsen. «Das hier könnte interessant sein. Sieht nach Bankunterlagen aus.»

 

Lienhardt nickte. «Mitnehmen. Und nein, die Ergebnisse sind noch nicht da. Es geht ungewöhnlich lang diesmal! Ich habe jetzt schon dreimal angerufen und werde immer vertröstet. Aber ich habe für morgen Abend einen Termin mit dem Gerichtsmediziner.»

 

4. Dezember

 

«Guten Abend!» Der Arzt schüttelte Lienhardt die Hand und bat ihn dann, ihm zu folgen. «Schön, dass Sie auch so spät noch vorbeischauen konnten.» meinte er und hielt eine Schwingtür auf. Lienhardt ging hindurch. «Ich habe im Moment die Nachtschicht.» sagte er nur und gemeinsam eilten sie den leeren Gang hinunter.

 

«Es gab ein paar Probleme mit der Bestimmung der Todesursache.» sagte der Gerichtsmediziner und blieb vor einer weiteren Tür stehen. «Ich habe eine Weile gebraucht, um das Rätsel zu lösen. Es ist tatsächlich nicht ganz einfach. Am Anfang habe ich auf Herzversagen getippt, aber die ungewöhnlich roten Lippen fand ich merkwürdig.» Er stiess die Tür auf und liess Lienhardt in einen fensterlosen gefliesten Raum eintreten, an dessen Wand sich metallene Bahren aneinanderreihten. Was sich unter den Tüchern auf den Bahren befand, beschloss Lienhardt zu ignorieren.

 

«Kalt hier drin, nicht wahr?» Der Arzt sah auf ein Klemmbrett am Kopf der ersten Bahre und ging weiter zur nächsten. «Hier!» rief er mit dem Klemmbrett wedelnd und bückte sich. Er zog eine Plastiktüte hervor und legte sie auf dem Leintuch ab, das Klemmbrett daneben. Lienhardt erkannte in dem durchsichtigen Plastik das rote Weihnachtsmannkostüm und trat näher. «Also ich habe eine Vergiftung vermutet.» sagte der Arzt rundheraus. «Aber ich konnte mit den üblichen Verfahren nichts finden.» Er blätterte in den Unterlagen bis zu einer bestimmten Seite. «Die Werte gaben mir zwar recht, aber was genau den Mann vergiftet hat, konnte ich zunächst nicht feststellen.» Er zeigte Lienhardt eine Tabelle, mit der dieser nicht viel anfangen konnte und blätterte dann weiter. «Der Mageninhalt. Hauptsächlich Alkohol.»

 

«Wir haben eine Flasche Korn bei dem Toten gefunden.» antwortete Lienhardt. «Dann sollten wir den Inhalt ins Labor schicken. Ich vermute, das Gift wurde oral verabreicht.» meinte der Arzt und klappte sein Klemmbrett zu. «Es handelt sich um Taxin B.»

 

«Taxin was?» Lienhardt lehnte sich vor. Der Arzt zog aus dem Plastikbeutel einen kleineren Beutel aus säurefreiem Papier hervor. «Taxin B.» wiederholte er. «Das findet man in Eibennadeln.» Er schüttelte einen Zweig mit grünen Nadeln aus der Papiertüte. «Das hier war in der Hosentasche des Toten. Nur so bin ich überhaupt draufgekommen. Ich hätte nicht danach gesucht, aber ich hatte so ein Bauchgefühl.»

 

Lienhardt hob den Zweig auf und betrachtete ihn kritisch. «Der Tote hat Eibennadeln gegessen und sich damit vergiftet?» hakte er nach. So ganz verstand er das noch nicht.

 

«Nein.» sagte der Arzt und öffnete wieder sein Klemmbrett. «Die Nadeln oder besser gesagt Spuren davon haben wir im Magen nicht gefunden. Nur das Taxin B – also den Wirkstoff. Er kann sich damit schon selbst vergiftet haben. Aber irgendwie muss er es ja hergestellt haben und dann hätte man wahrscheinlich mehr Spuren des Giftes in seiner Umgebung gefunden. Oder an der Kleidung und den Händen. Da war aber nichts.»

 

Lienhardt hörte sich noch ein paar weitere Fakten an, aber seine Gedanken kreisten um die seltsame Vergiftung und den gefundenen Eibenzweig. Das war doch merkwürdig.

 

5. Dezember

 

«Eibe.» wiederholte Dietmar. «Also Tannennadeln?» Er kratzte sich die Glatze. «Aber das ist doch echt selten, oder nicht?»

 

«Statistisch gesehen sterben an Vergiftungen durch Beeren und so gerade einmal zwei Leute im Jahr.» gab Lienhardt weiter, was er im Internet dazu ausgegraben hatte. «Also ja, ist selten. Und in unserem Fall müssen wir davon ausgehen, dass er sich nicht selbst vergiftet hat. » Er schlug eine Akte auf und zog das Papier näher zu sich heran. «Sabina hat vom Labor bestätigt bekommen, dass die Giftmenge im Korn ausgereicht hätte, um mehrere Menschen zu töten.»

 

«Und wer will einen armen Obdachlosen töten, der kaum jemanden etwas getan hat?» Dietmar lehnte sich in seinem Bürostuhl zurück und drehte sich hin und her. «Also ich sehe nach den ganzen Befragungen kein Motiv für Giftmord. Totschlag im Affekt, ja. Einigen Hausbewohnern hat es gar nicht gefallen, dass Nikolaus Berger ab und an in dem Schuppen übernachtet hat. Aber da ruft man doch eine Streife und greift nicht in den Giftschrank.»

 

«Apropos in den Giftschrank greifen, das Gift kriegt man nicht einfach so. Ist ja kein Rattengift oder ein überdosiertes Medikament. Wieso ausgerechnet Eibe?»

 

Sabina, die bisher wortlos der Diskussion gelauscht hatte, stiess sich vom Tisch ab und ging zum Fenster hinüber. «Was mich gedanklich umtreibt ist der Zweig in der Hosentasche.» sagte sie und starrte in die Dunkelheit hinaus. «Ich weiss nicht, ich finde das gruselig. Sonst haben wir doch nichts gefunden, was mit dem Gift in Verbindung steht. Nur den Korn und den Zweig.»

 

«Was sagen denn die Hausbesitzer dazu?» fragte Lienhardt und Sabina drehte sich vom Fenster weg. «Also ich habe mit den beiden gesprochen, ist ein nettes älteres Ehepaar, das auch in dem Haus wohnt. Im Erdgeschoss. Und sie haben dem Nikolaus Berger erlaubt, hin und wieder in der Laube zu schlafen. Er hat anscheinend seine Sachen dort untergestellt, wenn er in der Innenstadt einen Job als Weihnachtsmann hatte und nicht alles mitnehmen wollte. Sie sagten, er hätte immer alles ordentlich hinterlassen. Hin und wieder haben sie ihm was zugesteckt. Also ich glaube, die haben nichts damit zu tun.» 

 

«Die müssen wir trotzdem überprüfen. Was sagen die Angehörigen?»

 

Dietmar richtete sich auf. «Die haben Nikolaus Berger angeblich schon lange nicht mehr gesehen. Und die Exfrau ist ins Ausland ausgewandert. Lebt jetzt in Spanien. Ich versuche, sie zu erreichen, aber bisher ging niemand ans Telefon.»

 

Lienhardt seufzte. «Ist ja großartig. Trotzdem gründlich überprüfen. Vielleicht ist sie ja zufällig gerade zu Besuch in Deutschland. Und sehr viele andere Spuren haben wir ja nicht. Gut.» Er stand auf und schlug die Hände zusammen. «Ich glaube, dann haben wir leider schon alles für heute besprochen.»

 

«Zumindest gibt es ein ruhiges Wochenende.» brummte Dietmar.

 

6. Dezember

 

Lienhardt lehnte sich im Sessel zurück, nahm einen Schluck Whiskey und stellte die Lautstärke ein wenig höher. Samstagabend, Ruhe und Frieden. Der Whiskey rollte samtig über seine Zunge. Was gab es schöneres als einen gemütlichen Abend daheim? Er hatte die Füsse auf den kleinen Hocker gelegt und wackelte mit den Zehen. Ein Loch im Strumpf erregte seine Aufmerksamkeit. Wurde Zeit, dass er mal wieder den Kleiderschrank durchging. Ausmisten und Erneuern. Das konnte man gut aufs neue Jahr schieben.

 

In seine Gedanken war er so sehr vertieft, dass er das Klingeln des Telefons erst beim zweiten Mal wahrnahm. Er stöhnte, brachte sich mühsam in eine aufrechte Position und stellte den Whiskey auf dem Couchtisch ab. Wer konnte das sein? Seine Tochter verbrachte ein Semester im Ausland und meldete sich in der Regel am Vormittag, seine Exfrau hatte ihn schon lange nicht mehr angerufen und Bereitschaft hatte er keine. Die Liste von Freunden war kurz.

 

«Lienhardt?» dröhnte er in den Hörer. Dann lauschte er plötzlich gebannt, völlig konzentriert. «Ich bin in einer halben Stunde da.» antwortete er und notierte sich die Adresse. Dann legte er auf und rief umgehend Dietmar an. «Grüss dich, Dietmar! Ja, ich weiss, wie spät es ist. Es gibt Neuigkeiten!»

 

Lienhardt stellte die Musikanlage ab und lief ins Badezimmer. «Eben hat mich der Kollege informiert, dass es heute Abend einen weiteren Leichenfund gegeben hat. Jetzt darfst du dreimal raten, um wen es sich bei dem Toten handelt!» Er griff sich das Mundwasser und nahm einen kräftigen Schluck, spülte kräftig und spuckte aus. Das musste genügen. Zum Glück hatte er nur ein Glas getrunken.

 

«Genau der!» bellte er ins Telefon. « Du musst mich abholen! Ich will mir das genauer ansehen. Das kann doch kein Zufall sein!» Er hastete hinüber ins Schlafzimmer und zog einen warmen Wollpullover aus dem Schrank. Er setzte sich aufs Bett, gab Dietmar die Adresse durch und streifte seine löchrigen Socken ab. «Ich gebe Sabina Bescheid! Sie soll auch hinkommen. Sechs Augen sehen mehr als vier. Ach ja, und Dietmar? Kein Wort über böse Omen. Auch wenn das jetzt schon der zweite tote Weihnachtsmann ist.»

 

7.  Dezember

 

Kurz nach Mitternacht. Lienhardt beugte sich vor und starrte durch die geöffnete Wagentür ins Innere. «Kein schöner Anblick, was?» meinte der Beamte von der Spurensicherung und stülpte eine Plastiktüte über die rechte Hand des Toten. Lienhardt nickte nur und versuchte, alles möglichst schnell zu erfassen.

 

Der Mann sass mittig auf der Rückbank, eine Flasche Korn im Schoss. Er trug ein rotes Weihnachtsmannkostüm, die Hose mit dem Gummizug war unordentlich über das Hemd gezogen, die Jacke war schief geknöpft und stand teilweise offen. Die Mütze lag hinter ihm auf der Kofferraumabdeckung, weil sein Kopf weit nach hinten geneigt war. Den Bart hatte jemand weggenommen. Vielleicht war er den Sanitätern im Weg gewesen. «Hat er einen Bart getragen?» fragte Lienhardt und der Beamte nickte. «Schon eingetütet. Der Arzt hat ihn abgenommen, als er den Tod festgestellt hat.»

 

Lienhardt streckte sich zu voller Länge und trottete im Nieselregen zu seinen beiden Kollegen zurück. «Also?» fragte er. Dietmar und Sabina wechselten einen Blick, Sabina begann: «Die Kollegen wurden von einer Anwohnerin verständigt. Sie hat das Auto gesehen und den Mann auf dem Rücksitz angesprochen, aber er hat nicht reagiert. Statt etwas anzufassen hat sie gleich die Polizei gerufen. Sie fand das laut eigenen Angaben viel zu gruselig und hat dann lieber drüben an der Strasse gewartet. Wie sich herausstellte, war der Mann bereits tot, als die Streifenbeamten eintrafen.»

 

Dietmar schloss sich an: «Also der Notarzt hat nur noch den Tod feststellen können. Er hat dem Toten den falschen Bart abgenommen und einem Polizisten gegeben. Er hat dann die Vitalzeichen geprüft. Nach seiner Aussage ist der Mann wohl schon länger tot, denn er ist bereits kalt gewesen, als er den Puls fühlen wollte. Alles Weitere hat sich für ihn dann erübrigt. Allerdings ist er der festen Überzeugung, dass der Mann erwürgt worden ist. Und zwar mit dem Seil, das um seinen Hals geschlungen war, als man ihn fand. Das Seil gehört zu seinem Geschenkebeutel und wurde bereits als Beweisstück erfasst.»

 

Lienhardt nickte nur. Er hatte die blauen Verfärbungen und die geschwollenen Lippen auch bemerkt, ebenso die Abdrücke des Seils auf der Haut am Hals. «Wir warten trotzdem auf die Ergebnisse der Obduktion.» beschied er. «Keine voreiligen Schlüsse jetzt. Und kein Wort zur Presse! Wenn es nach uns geht, dann ist das reiner Zufall, bis wir den Beweis für das Gegenteil haben!»

 

8. Dezember

 

 Das Wochenende war damit gelaufen. Er hatte die anderen beiden zwar nach Hause verabschiedet, aber Lienhardt selbst sass an diesem Sonntag am Schreibtisch im Büro und wartete auf den Anruf aus der Gerichtsmedizin. Derweil betrachtete er die Fotos der beiden Opfer, die in gebührendem Abstand zueinander an der grauen Pinnwand hingen und rekapitulierte, was er bereits wusste.

 

Viel war das ja nicht. Das erste Opfer schien ein harmloser Obdachloser gewesen zu sein, der sich nur ein paar kleinere Verfehlungen hatte zu Schulden kommen lassen. Und das zweite Opfer war noch nicht einmal eindeutig identifiziert. Er wollte nicht spekulieren, ob da eventuell ein Zusammenhang bestand. Trotzdem drängten ihm sich die Zusammenhänge mehr als deutlich auf. 

 

Zwei Männer, beide dem Aussehen nach am Rand der Gesellschaft anzusiedeln. Zweimal dasselbe Kostüm. Beide in kleineren Innenräumen gefunden, beide sitzend. Er betrachtete die Unterschiede. Die verschiedenen Todesumstände und Waffen. Das unterschiedliche Alter der Beiden. Nein, es war Zufall. Oder doch nicht?

 

Das Telefon klingelte und erlöste ihn aus diesem Gedankenrundlauf. Er nahm ab.

 

«Guten Tag, hier Dr. Mertens. Spreche ich mit Herrn Lienhardt?»

 

«Guten Abend, Herr Doktor. Wir sind uns doch schon am Donnerstag begegnet, oder irre ich mich? Ich dachte, ich hätte Ihre Stimme wiedererkannt.»

 

«Richtig, das war ich! Dann haben Sie zwei Todesfälle in einer Woche? Das ist hart!»

 

Lienhardt machte ein zustimmendes Geräusch und bat um den Bericht zu der gestern aufgefundenen Leiche. Er bekam die Antwort prompt. Nach einer ausführlichen Beschreibung, die für sein Empfinden etwas zu detailliert war, kam der Arzt dann zum Wesentlichen. «Also, wir haben den Toten damit eindeutig identifiziert. 1,80 m gross, schlank, dunkles kurzes Haar, Dreitagebart, grüne Augen, die Beschreibung passt zur Akte. Die Zahnunterlagen bestätigen ebenfalls, dass es sich um den Vermissten Kevin Kramer handelt, ein Student der Betriebswirtschaft. Herr Kramer hatte anscheinend ein Drogenproblem. In der Akte steht etwas von einem Betreuer… und er hatte Einstichstellen an beiden Armen, alte wie neue. Die Zähne waren in dementsprechend schlechtem Zustand, aber Herr Kramer ist noch regelmässig zum Zahnarzt gegangen und wir haben recht neue Röntgenbilder. Schon komisch, schiesst sich regelmässig so ab und sorgt sich gleichzeitig so um seine Gesundheit. Nun ja.»

 

Der Arzt räusperte sich. «Also, die Todesursache war tatsächlich Erdrosseln. Dem Mann wurde mit dem Seil, das sichergestellt worden ist, der Hals zugeschnürt und das solange, bis der Tod eintrat. Wir haben Hautschuppen auf dem Seil gefunden und es passt genau zu den Abschürfungen und den übrigen Halsverletzungen. Soll ich noch mehr ins Detail gehen?»

 

9. Dezember

 

Montag. Aber sie waren immer noch der Nachtschicht zugeteilt. Dietmar hatte bereits zweimal auf die Uhr gesehen und sich beklagt, dass man ja so spät am Abend niemanden mehr erreiche. Lienhardt nickte nur und verwies auf die Kollegen von der Frühschicht. Er fühlte sich von den Ereignissen überrollt. Zwei tote Männer und keine Ansätze.

 

Sabina kam ins Büro und wedelte mit einem dünnen Papierordner. «Wir haben die Aussagen von Kevin Kramers Mutter und von seiner Exfreundin. Die Mutter hat sein Drogenproblem bestätigt und uns erzählt, dass Kevin sich in der Adventszeit mit dem Weihnachtsmannkostüm Geld dazuverdient hat. Er war bei einer Agentur angestellt. An dem Tag, an dem er ermordet wurde, hatte er eigentlich einen Auftrag. Aber er tauchte dort nicht auf. Man hat sich bei seiner Agentur beschwert und es wurde ein Eintrag gemacht. Ich bekomme die Kopien zugeschickt. Dann können wir mit dem unzufriedenen Kunden reden.»

 

«Sehr gut!» sagte Dietmar und sah wieder auf die Uhr. «Endlich kommt ein bisschen Bewegung rein. Unzufriedene Kunden sind doch schon einmal ein Ansatz, dem man nachgehen kann.» Er wickelte einen Schokoriegel aus und biss hinein. Mit vollem Mund bot er Sabina auch einen Riegel an. Sie griff gerade zu, als Lienhardt fragte: «Und die Exfreundin?»

 

«Das ist wirklich ein Ansatz!» meinte Sabina. «Sie hat den Kollegen erzählt, dass Kevin Probleme mit seinem Drogendealer hatte. Anscheinend hat er Schulden angesammelt und konnte diese nicht bezahlen. Es war auch von einem Ultimatum die Rede.» Sie gestikulierte mit dem Schokoriegel herum. «Schulden sind doch wenigstens mal ein handfestes Motiv! Ich habe eine Mail an die Kollegen vom Rauschgiftdezernat geschickt, vielleicht kennen sie ja den Dealer. Dann könnten wir ihn zum Verhör bestellen.»

 

«Sehr gute Arbeit, Sabina!» lobte Lienhardt und kam sich wie ein Grundschullehrer vor. Alt und zauselig. «Ich habe überprüft, ob die beiden Opfer sich vielleicht gekannt haben. Das ist nicht der Fall. Aber wir sind dieser Möglichkeit nachgegangen. Jetzt heisst es Arbeitsteilung. Sabina kann mit dem Fall von Kevin Kramer weitermachen. Und Dietmar kümmert sich ja immer noch darum, die Angerhörigen von Nikolaus Berger zu finden. Ich möchte, dass wir uns in diesem Fall nach neuen Motiven umsehen. Hatte Nikolaus Berger vielleicht Streit mit jemandem? Oder hatte er in der Szene Ärger bekommen? Vielleicht haben ja die Verbindungsbeamten und die Sozialarbeiter etwas gehört.»

 

«Dann behandeln wir die Fälle getrennt?» Sabina sah ein bisschen enttäuscht aus.

 

Lienhardt sah wieder auf die graue Pinnwand. «Vorerst ja. Wir müssen gründlich sein. Und wenn wir  wirklich alles ausgeschlossen haben, dann können wir uns wieder möglichen Gemeinsamkeiten zuwenden.»

 

10. Dezember

 

«Immer noch nichts!» brummte Dietmar und knallte den Hörer auf die Gabel. «Das kann doch nicht wahr sein! Kann ein Mensch so wenig Angehörige haben? Niemand fühlt sich verantwortlich!» Lienhardts Kollege schnaufte einmal tief durch. Lienhardt sagte nichts. Er wusste, Dietmar wollte jetzt nichts hören. Er brauchte erst einen Moment, um wieder mit sich ins Reine zu kommen. Manchmal war der Job frustrierend.

 

Genau da kam Sabina aufgeregt herein. «Sie haben den Dealer! Er sitzt in U-Haft und plaudert aus dem Nähkästchen!» rief sie aufgeregt. «Ich habe gerade einen Anruf von den Kollegen aus der anderen Abteilung bekommen! Wir sollen mal vorbeischauen und uns den Vogel ansehen.»

 

Lienhardt stand auf und griff nach seiner Jacke. «Den Vogel?»

 

«Naja, das hat der Kollege so gesagt.» meinte Sabina unschuldig. «Ich gebe nur ganz genau das Gespräch wieder.»

 

«Alles klar.» grunzte Dietmar und hob wieder den Telefonhörer ab. «Ich bleib hier und arbeite am Fall Berger. So schnell gebe ich nicht auf. Irgendwer wird ja wohl an seinem Verbleib interessiert sein.» Er drückte eine Telefonnummer in die Tastatur und winkte seinen Kollegen zum Abschied zu. «Haltet mich auf dem Laufenden!»

 

Lienhardt zog die Tür hinter sich zu. «Sabina, kannst du fahren?» Die junge Kollegin hatte bereits den Aufzugknopf gedrückt. «Ich möchte die Akte des Dealers durchgehen, bevor wir in der anderen Abteilung ankommen. Es gibt bestimmt einiges Interessantes zu lesen.»

 

«Klar. Ich hab die Akte schon gelesen!» sagte Sabina und stieg in den Aufzug. «Jetzt kommt endlich Schwung in den Fall! Ich hoffe, wir können wenigstens den Fall Kramer heute abschliessen. Dann bleibt mehr Energie für den armen Obdachlosen.» Sie presste den Daumen auf den Knopf für das Erdgeschoss. «Wie soll es da eigentlich weiter gehen?»

 

«Wir werden uns wohl mehr im Milieu umsehen müssen. Ich habe gestern noch mit einem bekannten Sozialarbeiter telefoniert. Er hört sich für uns um. Wir gehen selbst ins Bahnhofsviertel, dann können wir Fotos von Nikolaus Berger herumzeigen. Ich habe auch einen Kollegen von der Tagschicht auf die Geschäfte in der Innenstadt angesetzt, ob Berger dort gearbeitet hat. Dietmar kann die nicht alle allein abklappern. Aber ob das was bringt ist ungewiss. Wir müssen morgen mal besprechen, wie weit wir gekommen sind.» Er machte eine kurze Pause, als sie in den Dienstwagen stiegen. «Wenn der Fall Kramer jetzt zum Abschluss kommt, was ich sehr hoffe, dann gehst du morgen mit und hörst dich um. Manchmal reden die Obdachlosen lieber mit einer Frau als mit einem alten Knochen, dem man den Polizisten schon von weitem ansieht.»  

 

11. Dezember

 

In den frühen Morgenstunden hatten die Kollegen den Drogendealer endlich soweit, über Kevin Kramer zu reden. Sabina und Lienhardt standen still hinter der verspiegelten Scheibe und lauschten angespannt. Sabina hatte sich vorgebeugt und fixierte den jungen Mann mit dem Oberlippenbärtchen und den vielen Ohrsteckern, als könnte sie ihm so ein Geständnis herauskitzeln.

 

«Ja, vielleicht kenne ich Kevin.» hatte der Mann gerade zugegeben. Jetzt war er wieder in sich gekehrt und verschlossen.

 

«Woher kennen Sie Herrn Kramer?» fragte der verhörende Beamte und tippte mit dem Finger auf das Foto eines lebendigen fröhlichen Kevin Kramers. Die Mutter hatte es Lienhardt gegeben.

 

«Aus dem Club.»

 

«Was soll das heissen? Welcher Club? Arbeitet er dort? Arbeiten Sie dort? Haben Sie gemeinsame Freunde? Was heisst aus dem Club?»

 

«Naja, wir haben uns im Club halt getroffen und so.» Der Dealer warf einen nervösen Blick auf das Foto. «Ich mein, Kevin ist ein lustiger Kerl, ehrlich, immer auf Party und so. Er studiert irgendwas, glaub ich. Ist immer knapp bei Kasse.»

 

«Hat er Schulden bei Ihnen?»

 

«Vielleicht.»

 

«Vielleicht, vielleicht!» Der Beamte lehnte sich vor und presste beide Handflächen auf den Tisch. «Ich kriege immer nur vielleicht zu hören, aber keine Fakten. Ich will jetzt von Ihnen wissen, was mit Kevin Kramer los ist! Hat er Schulden bei Ihnen und wenn ja, wie viel Geld schuldet er Ihnen? Hat er noch bei jemand anderem Schulden? Reden Sie!»

 

«Der Kevin ist doch keine grosse Nummer. Was wollen Sie denn von dem?»

 

Schweigen auf beiden Seiten folgte. Schliesslich knickte der Dealer ein, er hatte die ganze Zeit schon nervös an seinem Ohrring gespielt. Jetzt liess er die Hand sinken und seufzte. «Also gut, ich hab dem vielleicht mal ein bisschen was verkauft.»

 

Der Beamte wartete geduldig.

 

«Kevin ist ein Loser. Er hat nie viel Geld. Alle wissen, dass er knapp bei Kasse ist. Deswegen leiht ihm ja auch keiner mehr was. Nur noch gegen Bares. Wenn überhaupt.» Der Mann machte ein schnaubendes abfälliges Geräusch.

 

«Der hat es gerade nötig!» zischte Sabina und verschränkte die Arme vor der Brust.

 

«Also, ich habe dem Kevin ein bisschen was verkauft, dann hat er sich ein bisschen was geliehen. Nicht viel. Nicht der Rede wert, Mann. Er konnte den Stoff nicht bezahlen, aber er braucht natürlich immer wieder was. Kevin hat alle schon angehauen, verstehen Sie? Er hat keinen mehr, der ihm noch was gibt, also kommt er wieder zu mir. Fleht mich an, ihm was zu geben. Aber ich habe gesagt, Kevin, erst die Kohle. Wenn du deine Schulden bezahlst, kriegst du wieder was. Vorher läuft nichts.»

 

«War dies das Ultimatum, dass Sie Kevin gestellt haben?»

 

Der Mann machte eine selbstsichere Miene. «Ja, genau. Wenn er seine Schulden bei mir nicht zahlt, dann sorg ich dafür, dass er bei keinem mehr was bekommt. Am nächsten Abend kam er mit der Kohle an. Hat er wohl seiner Alten aus den Rippen geleiert.»

 

12. Dezember

 

«Also war der Dealer auch nichts.» Dietmar fädelte den unauffälligen PKW auf den Linksabbiegerstreifen ein.

 

«Er sprach so, als würde Kevin Kramer noch leben. Durchweg.» sagte Lienhardt und lehnte sich zurück. Vor Ihnen lagen ein paar unangenehm kalte Stunden in den dunklen Strassen jenseits des Bahnhofs. Er warf einen Blick auf die kleine Thermoskanne mit Kaffee. Das würde nicht reichen, um sie warm zu halten. Es war dunkel, kalt und feucht da draussen.

 

«Ja, er war sehr überzeugend. Also, ich meine, er wirkte ehrlich.» korrigierte sich Sabina und beugte sich von der Rückbank nach vorn. «Ausserdem hat mir die Mutter bestätigt, dass ihr neulich Geld aus dem Portemonnaie fehlte, nachdem Kevin zu Besuch war. Genau den Betrag, den der Dealer genannt hat. Ich würde sagen, er scheidet aus?»

 

Lienhardt nickte nur. Er war sich sowieso sicher gewesen, dass diese Spur eine Sackgasse war. Wie hatte der Mann gestern im Verhör gesagt? Kevin war nur eine kleine Nummer. Man hatte es schon dem Wagen angesehen, indem er aufgefunden worden war. Auch das Kostüm war schäbig. Und obwohl Kevin auf sein Äusseres Wert gelegt hatte, konnte er die Spuren des Drogenkonsums nicht verbergen. Armer Junge, dachte Lienhardt und warf einen Blick auf die funkelnden Lichter der Stadt, die unterhalb der Brücke an ihnen vorüberglitten.

 

«Soll ich den Wagen an der Eckkneipe abstellen?» fragte Dietmar und riss Lienhardt aus seiner Melancholie. «Ich meine, dann können wir in drei Richtungen ausschwärmen und haben einen warmen Ort zum Warten, wenn sich die anderen verspäten.»

 

«Machen wir so.» brummte Lienhardt und gab Sabina die Thermoskanne. «Halten Sie ihr Funkgerät bereit und passen Sie genau auf, wo Sie sich befinden. Alle Viertelstunde ein Funkspruchsignal. Wenn wir bei dem Schietwetter überhaupt jemanden auftreiben, der mit uns reden will.»

 

13. Dezember

 

«Und?»

 

«Nichts.» Dietmar schloss das Auto auf und sie liessen sich beide in die Vordersitze plumpsen. «Keiner wollte mit mir reden. Also, von denjenigen, die ich überhaupt aufgetrieben habe. Sie haben sich, wen wunderts, alle irgendwo verkrochen.»

 

«Ging mir genauso.» Lienhardt rieb die kalten Hände aneinander. Der Kaffee war leer, die letzten zwei Stunden waren vergeudete Zeit gewesen und er war durchgefroren mit den Anzeichen einer nahenden Erkältung.

 

«Sabina?»

 

«Kommt. Hat sich wohl noch mal unter der Bahnhofbrücke umgesehen. Aber auch da niente.» Dietmar schnaufte und drehte sich nach hinten. «Ist noch Kaffee da?»

 

«Nichts. Und die Kneipe hat auch zu.» nahm Lienhardt Dietmars nächste Frage vorweg. Er konnte sich die Enttäuschung auf dem runden Gesicht des Kollegen bildlich vorstellen.

 

Das Licht ging an, als Sabina die Hintertür öffnete und sich auf die Rückbank schob. «Gott, ist mir kalt.» sagte sie und zog die Tür hinter sich zu. «Ich hab nichts und ihr?»

 

«Nö.» sagte Dietmar und steckte den Schlüssel ins Schloss. Der Wagen sprang surrend an und die Heizung begann leise zu dröhnen.

 

«Gott sei Dank!» murmelte Sabina und rutschte in die Mitte, um den Strom warmer Luft abzufangen, der aus der Lüftung summte. «Ich bin froh, wenn wir im Revier sind und ich die Heizung anmachen kann. Ist noch Kaffee…» sie wurde vom Klingeln eines Handys unterbrochen.

 

Lienhardt ging ran, sagte zweimal Ja und einmal Mach ich und legte wieder auf. «Wir fahren zur Bahnhofsmission.» wies er Dietmar an.

 

14. Dezember

 

«Nach einer Nacht im Warmen und einer guten Mahlzeit ist einem meist schon viel wohler.» sagte der Sozialarbeiter Fröhlich und zeigte Lienhardt eine offene Tür. «Jetzt, wo er seinen Rausch ausgeschlafen hat, wird er bestimmt alle Fragen beantworten können. Es war sehr nett von Ihnen, dass Sie heute noch einmal wiedergekommen sind.»

 

«Gestern war Herr Jakobi auch nicht wirklich in der Lage, mit uns zu sprechen.» sagte Lienhardt nüchtern und trat durch die Tür. Dort sass auf einem schmalen roten Sofa ein älterer Mann, der einmal übergewichtig gewesen war und dessen Kleidung jetzt schlackernd an ihm hing. Nichtsdestotrotz war Karl Jakobi immer noch eine imposante Erscheinung. Er stand auf, nervös die Hände knetend. Lienhardt streckte ihm die seine entgegen. «Herr Jakobi! Geht es Ihnen besser?»

 

Sabina wünschte ein «Guten Abend!» und zog sich einen Stuhl näher an das Sofa heran. Lienhardt nahm in dem breiten abgewetzten Ohrensessel Platz. Der Sozialarbeiter liess sich hinter seinen penibel aufgeräumten Schreibtisch nieder. Jakobi sank mit einem leisen Ächzen wieder auf das Sofapolster. «Jo.» brummte er. «Besser.»

 

«Sie haben Informationen über Nikolaus Berger?» fragte Sabina begierig und beugte sich vor. Sie hatte einen Notizblock auf den Knien liegen. Jakobi starrte sie nur an. «Jo.» machte er wieder. Lienhardt gab Sabina ein unauffälliges Zeichen.

 

«Wir wollen nur wissen, ob Sie mit Nikolaus Berger befreundet gewesen sind. Es wäre schön, wenn uns jemand ein bisschen was über ihn erzählen kann.» begann Sabina noch einmal mit einem freundlichen Lächeln. «Wir können seine Exfrau nicht erreichen. Und vielleicht kennen Sie ja noch jemanden, der mit Nikolaus Berger bekannt war.»

 

Jakobi war nicht sehr gesprächig, fasste aber kurz zusammen, was er über Nikolaus Berger wusste. Den Lieblingskiosk, die Orte, an denen er sich Schlafplätze gesucht hatte und was er gemacht hatte, um über die Runden zu kommen. Sabina schrieb alles auf und notierte sich auch ein paar Namen von gemeinsamen Freunden, die Jakobi und Berger kannten. «Herr Berger wollte also nicht mit Ihnen in die Unterkunft gehen, obwohl es draussen so kalt war?»

 

«Ne, der war lieber in seim Schuppen.» nuschelte Jakobi und hielt sich dabei die Hand vor den Mund, wahrscheinlich damit Sabina seine schlechten Zähne nicht sah. «Konnte ihn nicht überreden.» bedauerte er.

 

«Das ist nicht Ihre Schuld.»

 

«Er wollte nicht mitgehen, weil es hier ein paar Leute gibt wo er nicht so klarkommt.» sagte Jakobi und warf einen vorsichtigen Blick auf Fröhlich.

 

«Das ist leider manchmal so.» sagte der.

 

«Er hat gesagt, er könnte immer noch zum Rudi, wenn es wirklich kalt wird.» Jakobi zeigte auf Sabinas Notizblock. «Rudi Wässerer- der hat nämlich einen Wohnwagen unten am See. Da hat der Nikolaus öfter mal gepennt, ohne dass Rudi das gewusst hat.»

 

«Dann sprechen wir mal mit Rudi!» sagte Lienhardt und stand auf. «Besten Dank, Herr Jakobi!»  

 

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