Leben und Spiele

 

Ich habe in letzter Zeit recht wenig mit selbiger am Computer verbracht. Zum Ersten war ich im Urlaub und zum Letzten brauchte auch mein Rechner eine kleine Kur, damit er wieder rund läuft. Die übrigens genausoviel wie mein Urlaub kostete- das war dann wohl Pech meinerseits, dass ich solche Kleinigkeiten nicht selbst beheben kann und Glück eurerseits (wenn wir so unverschämt sein wollen, euer geneigtes Wohlwollen vorauszusetzen), denn nun ist er wieder da und nun bin ich wieder da! Nach meiner Sommerpause starte ich also wieder voll philosophisch-literarisch durch.

 

Ich habe mir gerade Gedanken über Computerspiele gemacht. Ich meine keine Spiele wie Counterstrike, GTA und den Flugzeug-Simulator, den finde ich sterbenslangweilig. Da würde ich wahrscheinlich noch lieber wirklich Autorennen fahren (obwohl, nein auch das nicht). Nichts gegen Leute, die Ballerspiele spielen oder am PC golfen. Aber mein Geschmack ist das nicht. Daher geht es hier auch nicht um diese Spiele und ihre angeblich verheerenden Wirkungen. Ich mag Geschichten und Figuren, daher bevorzuge ich alles, worin solche vorkommen. Nein, ich mache mir über erzählerisch aufwendige Spiele Gedanken, oder sollte ich schreiben Gedankenspiele? Vor allem, weil ich ja nun quasi abstinent ohne solche Spässe auskommen musste. Ich gebe zu, ich würde mich jetzt lieber über ein Spiel hermachen, als zu arbeiten. Aber das Leben geht vor... und Computerspiele daran vorbei. Oder nicht?

 

 

 

Im Computerspiel ist alles recht einfach. Man hat sich an Regeln zu halten und bestimmte Abläufe und Handlungen, die man ausführen kann. Den Rahmen seiner Möglichkeiten kann man dabei nicht sprengen. Man unterliegt den Grenzen der virtuellen Welt ebenso, wie man den Regeln der Physik in der realen Welt unterliegt. Menschen können nicht fliegen. Man muss also versuchen, seine Träume und Ziele im Rahmen seiner Möglichkeiten zu verwirklichen. Daher baute sich Daedalus Flügel, Da Vinci eine Flugmaschine und die nachfolgenden Generationen ganze Flotten fliegender Freudeträger. Egal wo man sich in der realen wie virtuellen Welt hinwendet, man ist eingeschränkt. Daher liebe ich in Abenteuerspielen die Möglichkeit, Gegenstände zur Lösung einer Aufgabe miteinander zu verbinden. Das Werkzeug fällt einem oft genug einfach in die Hand. Man heisst ja auch nicht MacGyver, dass man sich jederzeit mit einfachsten Mitteln zu behelfen wüsste und entsprechend schnell wäre der Spass vorbei, müsste man sich im Abenteuer wie in der wirklichen Welt alles erarbeiten. Furchtbar. Aber die Herausforderung, die einem das Kombinieren verschiedener Gegenstände bietet und die ungeahnten Möglichkeiten, die da mitschwingen, beflügeln. Man hat plötzlich nicht mehr das Gefühl, in einem von engen Regeln durchtakteten und an eine feste Storyline gebundenen virtuellen Raum zu sein, obwohl genau das der Fall ist. Man fliegt. Ohne sich noch um Regeln oder Vorgaben zu kümmern. Und auch diese Herausforderung ist von den Spielleitern geplant und fest eingebunden in den Ablauf.

 

 

 

Diese unerschütterliche Vorausplanung ist es auch, die das Computerspielen so sicher macht. Man hat (ich möchte fast sagen die absolute, aber ich tu es nicht)Gewissheit, dass es jemanden gibt, der sich an einen Plan gehalten hat und man diesen, auch wenn man ihn nicht kennt, einfach nur ausführen muss, um zum Ziel zu kommen. Wie oft wünscht man sich im wirklichen Leben, wenn alles wieder drunter und drüber geht, dass man einfach ein paar Schritte weiter geht und alles wieder gut ist? Man möchte doch daran glauben, dass alles vorherbestimmt ist und man eine Aufgabe hat. Das alles gut wird. Dieser feste Glaube ist es, der Entspannung in den Spielverlauf bringt. Es gibt einen Plan, es gibt eine (Er-)Lösung! Das Erfolgsrezept der katholischen Kirche funktioniert auch für Abenteuerspiele (egal wie die Lösung aussieht. Wer Black Mirror gespielt hat, weiss Bescheid. Allen anderen: Viel Spass!). Daher sind sie in der modernen Welt so beliebt. Wenn ich Abenteuer spiele, dann weiss ich, dass es irgendwo einen Uhrmacher gibt. Das macht es einfach, dem Plan zu folgen. Ich weiss auch, dass ich die Hauptrolle spiele und viel von mir abhängt. Ich bin in diesem Spiele-Universum der wichtigste Mensch. Nicht einmal der Uhrmacher ist noch so wichtig, denn er ist ja nicht mehr da. Lediglich sein Vermächtnis bleibt und ich mitten drin. Das schmeichelt einem ungemein. Man drückt ein paar Knöpfe und für ein paar Stunden ist man wer und macht was her. Und da es meist auch noch um die Rettung der Welt geht, ist man nicht bloss Frau Bundeskanzlerin, sondern Wonder Woman. Darunter macht man es nicht. Man bekommt im Spiel ein ungeheures Selbstbewusstsein und macht Dinge, die man sonst niemals tun würde (zum Beispiel in einer verfallenen Klinik mit einem kaputten und selbstreparierten Lift in den Keller fahren, um mal eben das Pathologielabor und die Leichenhalle zu durchsuchen, in dem Wissen, dass es da nicht mit rechten Dingen zugeht oder um die Sache konkret auf den Punkt zu bringen: es spukt). Im echten Leben wäre ich dankbar, mir die Decke über den Kopf ziehen zu dürfen. Im virtuellen Leben hau ich dem Zombie einfach mit nem rostigen Rohr auf seinen Rüssel. Das ist ein riesengrosser Unterschied zwischen Realität und Virtualität, oder nicht?

 

 

 

Oder ist es einfach eine Glaubensfrage, eine Einstellungssache? Lebt man in dem Glauben an einen Uhrmacher angenehmer, auch wenn man bis auf die Trümmer seiner Werkstatt nichts mehr vorfindet und sich alles selbst zurechtrücken muss? Es hängt ja doch allein von mir ab, wann ich wie und wo spiele. Oder nicht? Das Problem ist nur, dass man in der realen Welt nicht einfach von heute auf morgen gläubig werden kann und wenn das möglich wäre, woran? Die Auswahl ist ja unglaublich gross. Also mich verwirrt dieses Überangebot. Was ist denn nun das einzig wahre? Oder man liest ein wenig in einer alten Werkausgabe von Lessing und hofft, dass der schlaue Kerl recht hat mit dem Ring. Aber glaubt man dann an Lessing oder den Uhrmacher selbst?

 

 

 

Mit Glaubensfragen muss man sich im Abenteuer zum Glück nicht beschäftigen. Wenn da plötzlich ein nach meinem Gehirn sabbernder Zombie auftaucht, dann stelle ich das nicht in Frage. Wie könnte ich auch, es ist ja dann ein bestehender Fakt, dass Zombies existieren und potentiell gefährlich sind. In Vertrauen auf den Plan speichere ich ab und mache weiter. In diesem engen virtuellen Raum ist grundsätzlich alles möglich. Sherlock Holmes hätte hier schlechte Karten. Er müsste immer von Anfang an das Unmögliche mit in Betracht ziehen, anstatt über das Ausschlussverfahren darauf als einzig verbleibende Lösung zu kommen. Und gerade wenn man versucht, das Unmögliche vorauszusetzen und dieses annehmend entsprechend handelt, erreicht man oft nichts. Warum? Weil dann überraschenderweise das Naheliegendste auch das Richtige ist. Indem man sich festlegt, auch wenn es das Unmögliche ist, vergibt man sich Lösungen. Dadurch, dass man keine Ahnung hat, wo die Geschichte einen hinführt, kann man sich immer wieder überraschen lassen. Auch im realen Leben ist das so, nur dass man eben meist das Naheliegenste vorraussetzt anstelle des Unmöglichen. Aber sobald man Vorraussetzungen hat, ist man gebunden. Man hat sich daran gewöhnt und wird am Ende überrascht. Auch im Abenteuer legt man sich auf eine Sache fest. Wie oft steht man da und denkt sich: 'Das war so einfach..... verdammt und ich eiere hier seit drei Stunden durch die Gegend.'

 

 

 

Ebenso ist es mit der Logik. Die hilft einem überhaupt nur bei der Lösung von Rätseln, wenn man Puzzleteile (oder auch Pusselteile.... ich lache mich über die Schreibweise gerade tot, ihr auch?) verbinden muss oder Zahlen berechnen soll oder ähnliches. Ansonsten macht man im Computerspiel oft völlig unlogische Sachen. Man rennt zum Beispiel mit einer Brechstange durch die Gegend und kann sie zu nichts gebrauchen. Weder um die verschlossene Tür aufzuhebeln, noch um ein Fenster einzuschlagen oder einen Gullideckel aufzustemmen. Nein, man kann das Brecheisen nur nutzen, um die drei festgenagelten Bretter an der Schuppentür zu lösen. Und dann, oh Wunder, ist das Brecheisen verschwunden. Weil man es ja nicht mehr braucht, auch wenn man noch an einem guten Dutzend Verwendungsmöglichkeiten vorbeikommt. Das ist unlogisch, aber für die engen Grenzen der virtuellen Welt notwendige Bedingung. Dort hat einfach ALLES einen vorbestimmten Zweck und nur diesen. Das zu wissen bedeutet aber nicht, dass man nicht trotzdem jedes Mal wieder versucht, mit dem Brecheisen durch die Wand zu kommen oder sich immer wieder fragt, wo es eigentlich hin ist. Irgendwie lassen sich da doch Parallelen zum realen Leben ziehen. Man glaubt eine Lösung gefunden zu haben und die muss es dann auch sein. Für anderes ist man nicht mehr offen und man weigert sich, seine Idee aufzugeben und das Brecheisen loszulassen. Daher ist es im Computerspiel auch plötzlich verschwunden, sobald es seine Pflicht getan hat. Wir werden quasi von den Altlasten unserer Ideen erlöst, weil wir selbst dazu nicht in der Lage sind. Jemanden, der alles aufgibt und nach Asien geht, um buddistischer Bettelmönch zu sein, ist für uns ein bewundernswerter Mensch. Ich könnte das nie tun. Ich liebe mein Brecheisen. Im Computerspiel muss es verschwinden, damit ich nicht in Versuchung gerate, es immer wieder damit zu versuchen. Das wäre langweilig und das darf ein Spiel nicht sein. Ich muss also immer wieder neue Wege beschreiten, auch unlogische, auch unmögliche. Ich erweitere im Spiel sehr viel einfacher und bereitwilliger meinen Horizont, als ich es im richtigen Leben täte. Auch das macht den erholsamen Charakter des Spieles aus. Wenn man flexibel ist, ist man gelöst. Und welche realen Konsequenzen ergeben sich jetzt daraus?

 

 

 

Ist das Spiel nun ein Nachgesang unseres Lebens oder eine Erweiterung unserer Träume und daher so nah dran an der Realität? Wie auch immer man ein Computerspiel bewerten möchte, welche Parallelen man auch ziehen oder bezweifeln mag, man kann daraus Erkenntnisse gewinnen. Ob die einem nun weiterhelfen oder nicht, Spass macht das Spielen allemal. Und ist Glück nicht bekanntlich ein letztes Ziel?

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